Österreichs Ex-Kanzler Christian Kern verabschiedet sich nun doch endgültig aus der Politik. Der 52-Jährige gab in Wien bekannt, dass er seine Karriere als Berufspolitiker beenden wolle. "Ich war mehr als 20 Jahre in Unternehmen, davon 14 in Vorständen. Ich freue mich wirklich, dieses Leben wieder zurückzubekommen und den Weg ins Unternehmertum zurückzugehen", sagte Kern bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Damit wird sich der SPÖ-Politiker auch nicht weiter um die Spitzenkandidatur der europäischen Sozialdemokraten zur Europawahl 2019 bemühen.

Erst am 18. September war Kern vom Vorsitz der SPÖ zurückgetreten – völlig überraschend. Seine Partei ließ damals stundenlang Spekulationen zu, dass sich der ehemalige österreichische Kanzler komplett aus der Politik zurückziehe, und bestätigte diese Gerüchte später sogar. Kern selbst kündigte stattdessen an, künftig im EU-Parlament Politik machen zu wollen. Einen Tag später sagte er am Rande des informellen EU-Gipfels in Salzburg, dass er die Spitzenkandidatur der europäischen Sozialdemokraten anstrebe. Daraus wird nun nichts. "Für mich ist das ein Schlussstrich als Berufspolitiker und ich bin persönlich nicht ganz unfroh", sagte er.   

Auf der Pressekonferenz begründete Kern noch einmal seine ursprüngliche Entscheidung für seine Kandidatur für das Europaparlament: In den vergangenen Monaten hätten Kräfte Zulauf gehabt, "die Europa zerstören wollen", sagte er. Namentlich nannte er den italienischen Innenminister Matteo Salvini, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und den österreichischen Rechtspopulisten Heinz-Christian Strache. Die kommende Europawahl werde "die Schlacht der Schlachten", in der es darum gehe, die Zukunft der Demokratie zu verteidigen. Es sei daher wichtiger, sich in Europa zu engagieren als in der Innenpolitik.

"Kleinintrigen von hüben und drüben"

Allerdings habe er festgestellt, dass es als ehemaliger Regierungschef nicht möglich sei, die innenpolitische Bühne zu verlassen. Die europapolitische Debatte, die er habe führen wollen, drohe "im Lichte ständiger Kleinintrigen von hüben und drüben" zu versinken, sagte Kern. Nach zweieinhalb Jahren in der Politik sei sein Bedarf an diesem innenpolitischen Spiel "extrem begrenzt".

Als einen weiteren Grund für seine Entscheidung nannte er die neue Parteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner. Sie müsse die Möglichkeit bekommen, eigene Akzente zu setzen, auf ihrem Amtsbeginn dürfe kein Schatten liegen. Die 47-Jährige ist seit dem 25. September die designierte Vorsitzende der österreichischen Sozialdemokraten. Im November soll sie vom Parteitag bestätigt werden.

Christian Kern war von Mai 2016 bis Dezember 2017 Kanzler in Österreich. Bei der Parlamentswahl 2017 holte er mit den Sozialdemokraten stabile 26,9 Prozent. Er musste sich aber dem wegen seines Antimigrationskurses populären Herausforderer Sebastian Kurz von der ÖVP geschlagen geben. Letzte Umfragen sahen die SPÖ trotz des Personalchaos der vergangenen Wochen bei 27 Prozent.

Vor seiner Karriere als Politiker hatte der 52-Jährige in der staatsnahen Wirtschaft Karriere gemacht. Von 2010 bis 2016 war er Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB.