Ein Grüner neuen Typs

Tarek Al-Wazir steht auf einer kleinen Bühne im Frankfurter Ostend, schwarze Anzughose, hochgekrempeltes Hemd. Der Körper ist angespannt, die kurzen weißen Haare leuchten im Scheinwerferlicht, seine Stimme ist leise und fest. Er hält eine Ansprache an seine Leute, die Hand saust im Rhythmus seiner Worte auf und nieder. Jubel von unten.

Wüsste man es nicht besser, man könnte ihn bei diesem Auftritt am Donnerstagabend für einen Banker in einem Film halten. Einer dieser Typen, die in einem der Finanztürme der Stadt das jubelnde Team auf den nächsten Megadeal einschwören.

Aber Al-Wazir ist natürlich kein Banker. Er ist ein Grüner, studierter Politologe und Vizeministerpräsident in Hessen – und derzeit als Spitzenkandidat für die Landtagswahl am Sonntag unterwegs. Offen freut er sich an diesem Abend über die vielen Fehler der großen Koalition in Berlin und über die eigene Anschlussfähigkeit ans bürgerliche Lager: "Die Leute denken nicht mehr: Mensch, der Grüne will uns das Auto wegnehmen", sagt er. Seit 2013 ist Al-Wazir als Minister in Hessen nicht nur für Wirtschaft und Energie, sondern auch für Verkehr zuständig. Seine Vision: Ein so gut ausgebautes Bus- und Bahnsystem, dass es keinen Stau mehr gibt auf Hessens Straßen.

Der nächste Oberrealo

Seit fünf Jahren regieren die Grünen geräuschlos als Juniorpartner mit der einst so konservativen Union in Hessen. Als die Grünen am Donnerstag nach seinem Auftritt schon zu Disko-Beats tanzen, erzählt Al-Wazir von seinem Ziel für die Landtagswahl: Dass keiner an den Grünen vorbeikommen wird. Drei Tage vor der Wahl hat er das fast erreicht, denn seine Partei liegt in Umfragen gleichauf mit der entsetzten SPD.

Mit dieser Stärke könnten die Grünen dem schwächelnden CDU-Ministerpräsidenten nochmals eine schwarz-grüne Mehrheit beschaffen – und dann in den nächsten Koalitionsverhandlungen selbstbewusst mitreden. Oder, wenn sie auf Platz zwei vor der SPD landen, dann könnte Al-Wazir sogar Ministerpräsident werden.    

Ein Posten, der den ehrgeizigen Politiker reizen würde. Einerseits. Aber wenn er ihn haben will, dann müsste er ein schwieriges Dreierbündnis schmieden. Und bei den Grünen glauben sie nicht wirklich daran, dass man sich mit der Linken, der FDP oder den gedemütigten Sozialdemokraten inhaltlich einig werden könnte.  

Schon jetzt wird Al-Wazir mit dem Oberrealo der Grünen, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann verglichen. Auch der fand sich überraschend in der Rolle des Regierungschefs wieder. Doch wo Kretschmann seine Schrulligkeit kultiviert und tief im Katholizismus verwurzelt ist, ist Al-Wazir vor allem eins: agil.

Start bei Protest gegen Startbahn West

Vor 47 Jahren wird Tarek Al-Wazir, der Sohn einer deutschen Lehrerin und eines jemenitischen Diplomaten, in Offenbach geboren. Die Eltern lassen sich früh scheiden, der Junge wächst bei der Mutter auf, die bis heute politisch links steht. Als Kind demonstriert er gemeinsam mit ihr gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens – der Protest war ein Grund für die Gründung der Grünen im Januar 1980.

Mit 14 besucht Al-Wazir ein Jahr die deutsche Schule im Jemen, eine Zeit, die er einmal als einsam, aber prägend beschrieben hat. Zurück in Offenbach bleibt er erst mal sitzen. Er wechselt die Schule, macht Abitur und ziemlich schnell auch eine politische Karriere: Mit 18 tritt er den Grünen bei, weil er sich gegen Rechtspopulismus engagieren will, wie er erzählt. Mit 24 sitzt er im Landtag, die Kandidatur sei anfangs eine "Schnapsidee" gewesen. Im Jahr 2000, mit 29 Jahren, ist Al-Wazir Fraktionschef und bleibt das 14 Jahre lang. Er gilt schnell als Talent, guter Redner, als Gegenpol zur "Stahlhelmfraktion" der damaligen Hessen-CDU.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch hat Ende der Neunziger Wahlkampf gegen den Doppelpass gemacht – Al-Wazir, der die deutsche und die jemenitische Staatsbürgerschaft besitzt, wird zu seinem schärfsten Kritiker. In späteren Kampagnen greift die CDU ihn und seine SPD-Mitstreiterin direkt an: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen" steht auf den Plakaten der Union. Viele erkennen darin einen fremdenfeindlichen Unterton.

Al-Wazir ist dabei, als die rot-rot-grüne Minderheitsregierung im Herbst 2008 an den Stimmen der SPD scheitert. Auch mit Ypsilantis Nachfolger, dem aktuellen SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel, versucht er bei der letzten Wahl, die CDU zu stürzen. Es klappt nicht. Schließlich schwenkt er um, verhandelt mit der CDU und lässt sich auf den einstigen Gegner ein.

Manche unterstellen Al-Wazir deswegen ein taktisches Verhältnis zur Macht. Seine Mutter fremdelt bis heute damit, dass er mit den Schwarzen regiert. Und auch die Beziehung zwischen Schäfer-Gümbel und Al-Wazir ist abgekühlt. Der SPD-Politiker hat seine Enttäuschung darüber in Gesprächen mit Journalisten angedeutet. Schäfer-Gümbel sagt: Al-Wazir ist mein Freund. Dieser wiederum sagt: Wir sind keine Gegner. Der Grüne glaubt nicht wirklich daran, dass es in der Politik Freundschaften geben kann. Und dass man flexibel bleiben muss. "Ich habe 13 Jahre daran gearbeitet, mit den Sozialdemokraten zu regieren. Doch am Ende war die Mehrheit nie da. Wie lange sollten wir da noch warten, wo wir doch Politik gestalten wollen?"

Was ist grün an Al-Wazir?

So wird er nach der Landtagswahl 2013 nicht nur zum Koalitionspartner, sondern auch zum Duzfreund von CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier. Er lehnt es ab, Umweltminister zu werden. Nein, Al-Wazir greift nach dem Wirtschafts-, Energie- und Verkehrsressort. Er will beweisen, dass er kein klassischer Grüner ist. Fünf Jahre später denken sich die Grünen in Berlin: "Ganz schön leise in Hessen", wie Parteichefin Annalena Baerbock auf der Wahlkampfabschlussfeier ihrer Partei verrät. Es gibt keine Skandale, keinen öffentlichen Streit, selbst die CDU lobt nun die ökologische Landwirtschaft.

Bouffier, der gedämpfte Konservative, und Al-Wazir, sein progressiver Juniorpartner  – das funktioniert. Die schwarz-grüne Regierung kann allerdings kein Leuchtturmprojekt vorweisen. Die Grünen rühmen sich mit mehr Ökolandbau und einem subventionierten Schülerticket, das irgendwann mal in ein kostenloses Mobilitätsticket für alle umgewandelt werden soll. Die guten Umfragewerte sind vor allem der Beliebtheit Al-Wazirs zu verdanken. "Tarek Al-Wazir steht Symbol für den neuen Typus des Grünen: Verlässlich, gut vorbereitet, lern- und entwicklungsfähig", sagt der Bonner Politikprofessor Volker Kronenberg, der eine Studie über Schwarz-Grün in Hessen herausgebracht hat: " Er ist ein Antipopulist, der stets Maß und Mitte hält, das macht ihn für viele wählbar."

Flughafenausbau statt Veggieday

Doch was ist das spezifisch Grüne an Tarek Al-Wazir? Darüber muss er selbst etwas nachdenken. Er glaubt an die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie und will sich für Minderheiten einsetzen. Bevormundung findet er schrecklich. Als die Grünen in Berlin über einen verpflichteten Veggieday in den Kantinen nachdachten, ging er Rindswurst essen und postete ein Selfie auf Facebook.  

Noch Ende September lag die Partei in den Umfragen bei 14 bis 15 Prozent. Dass die Demoskopen inzwischen von 20 Prozent plus ausgehen, haben die Grünen nicht nur Al-Wazir, sondern auch der unbeliebten großen Koalition zu verdanken. Im Wahlkampf positionieren die Grünen sich daher als nette Protest-Alternative: "Tarek statt GroKo" plakatieren sie. Auch die Dieselproblematik, eigentlich auch eine Herausforderung für den hessischen Verkehrsminister, schiebt Al-Wazir nach Berlin ab. Dort haben sie sich inzwischen so oft um sich selbst gedreht, dass keiner merkt, dass sowohl der hessische Verkehrsminister als auch die grüne Landesumweltministerin schon lange etwas gegen das drohende Fahrverbot in der Frankfurter, Wiesbadener und Darmstädter Innenstadt hätte unternehmen können.

Seine Anhänger haben Al-Wazir auch verziehen, dass er ein zentrales grünes Versprechen gebrochen hat: In ihrem letzten Wahlprogramm setzten sich die Grünen vehement für einen Stopp des Ausbaus am Frankfurter Flughafen und für ein Nachtflugverbot ein. Heute ist der dritte Terminal im Bau und die Billigflieger heben weiter möglichst ungehindert und zu beinahe jeder Uhrzeit ab.

Auf der Wahlkampfparty der Grünen am Donnerstagabend steht ein Ehepaar, das seit Jahrzehnten in einer Bürgerinitiative gegen den Lärm der Flugzeuge kämpft. Eigentlich müssten sie doch enttäuscht von dem Grünen sein? "Der Tarek war doch der Einzige, der sich überhaupt mal unsere Sorgen angehört hat", ruft Wilma Frühwacht-Treber gegen die laut wummernde Musik. "Er hat die Stellschrauben gedreht, die er konnte, auch wenn es nicht viel war." Tatsächlich ist der Ausbau der dritten Startbahn des Flughafens höchstrichterlich genehmigt. Wo anderswo Wutbürger solche Fakten wegwischen, hat der Grüne es geschafft, seine Kritiker mit Argumenten der Vernunft und einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Airlines zu mehr Ruheschutz zu besänftigen.

Trotz allem Erfolg: Tarek Al-Wazir müsste eigentlich hoffen, dass die Grünen am Sonntag nicht die SPD überholen. Denn wenn er vorne liegt, dann muss er schwierige Gespräche führen, um vielleicht sogar Ministerpräsident zu werden. Würde er über ein Linksbündnis verhandeln oder eine Ampel, so könnten seine neu gefundenen Fans im bürgerlichen Lager sich so schnell abwenden, wie sie gekommen sind.

Doch der Kandidat hält "Ausschließeritis" für eine Krankheit. Er will jetzt erst mal abwarten - und möglichst alles unter Kontrolle halten. Mit einem Erfolg bei der Wahl rechnen die Grünen aber schon: Die Landesgeschäftsstelle der Grünen hat überprüft, ob auf den hinteren Listenplätzen Leute kandidieren, die man eigentlich nicht im Landtag haben will. Das Ergebnis: negativ.