Es ist genau drei Jahre her, da zogen in einem Stadtteil am Rande Hamburgs Menschen mit Besen und Schrubbern los und reinigten einen verkommenen Baumarkt. Sie bauten Feldbetten auf, sortierten Kleidung, sammelten Spielzeug, backten Kuchen, lernten Behördendeutsch und versuchten sich als Sprachlehrer. Wer sie fragte, warum sie das tun, dem sagten sie: "Wer gute Nachbarn haben will, muss ein guter Nachbar sein."

Fast zur selben Zeit gingen andere Leute in demselben Stadtteil auf die Straße, sprachen von Überlastung, fürchteten um die Sicherheit in ihren Wohnstraßen, warnten vor zu wenigen Ärzten, zu wenig Kindergartenplätzen, zu wenig Lehrern und vor Ghettobildung.

Die Helfer hatten keine Zeit dafür, auch noch zu demonstrieren, denn sie hatten es mit Hunderten verstörten, erschöpften und orientierungslosen Menschen zu tun, die ihre ganze Aufmerksamkeit brauchten. Die Besorgten aber hatten reichlich Zeit, ihre Sorgen bis ins Rathaus zu tragen. Dort hörte man ihnen zu und schloss sogar einen Vertrag mit ihnen, der den Zuzug der Flüchtlinge deutlich begrenzte. Die Helfer hatte niemand gefragt, ob sie die Ängste der Besorgten eigentlich teilten.

So geht das nun seit drei Jahren in Deutschland zu. Die einen tragen und organisieren unser friedliches Zusammenleben, als Flüchtlingshelferinnen, in Sportvereinen, als Betriebsräte, in Naturschutzorganisationen, bei der freiwilligen Feuerwehr, im Schulelternrat oder im Kirchenvorstand.

Die anderen machen sich Sorgen. Das tun sie ziemlich laut. Und sie werden damit gehört, weil vor allem konservative Politiker denken, wo es laut ist, müssten auch viele Leute sein.

Das stimmt gar nicht. Außer in Dresden ist es keinem Pegida-Ableger in einer anderen Stadt gelungen, mehr Menschen zu versammeln als Gegendemonstranten auftraten. Als die AfD im Mai zu einer Demonstration in Berlin aufrief, kamen 5.000 Anhänger – 25.000 Menschen protestierten gegen den Aufzug.

Wenn aus Sorge Hass wird

Dennoch hat sich etwas verändert. Über die Jahre ist aus der Sorge Wut geworden und aus Wut Hass. Aber Hass ist ein Gefühl, mit dem die meisten Deutschen nicht umzugehen wissen. Rot auf gelb stand es am Sonnabend auf dem Plakat eines Demonstranten in Berlin: "Ich kann nicht glauben, dass ich gegen Menschenhass protestieren muss."

Hass ist ein mächtiges Gefühl. Er macht stark, erhebt einen über die anderen, braucht keine Erklärungen, kennt keine Zweifel und macht vor nichts Halt. Menschen, die hassen, schreien dumpfe Parolen, verbreiten Lügen und denunzieren Andersdenkende, sie jagen Menschen durch die Straßen und greifen Geschäfte, Lokale und Wohnungen an. Diese Menschen machen keinen Unterschied zwischen denen, die sie hassen und jenen, die den Gehassten helfen.

Lange konnte man sich darauf verlassen, dass Hass im politischen Diskurs in Deutschland keinen Platz hat. Hass hatte das Land zerstört. Deshalb steht der Schutz der Menschenwürde im ersten Artikel des Grundgesetzes. Vor dreißig Jahren erlebte Deutschland dann, dass der Wunsch nach Freiheit und Vielfalt ein Regime gewaltfrei hinwegfegen kann wie jenes der DDR, dass auf Unterdrückung und Ausgrenzung aufgebaut war.

Gebot der Stunde: laut sein

Heute muss diese Grenze abermals scharf gezogen werden. "Es ist an der Zeit, sich zu zeigen", sagte einer der 242.000 Demonstranten in Berlin. Eine Frau sagte: "Es ist wichtig, dass man sich verteidigt und nicht denkt, es kann nichts passieren." Und eine weitere: "Von denen lass ich mir mein Leben nicht wegnehmen."

Vor drei Jahren war das Gebot der Stunde, praktisch zu helfen. Jetzt gilt es, laut und vernehmlich zu sagen, wie man gut zusammenleben kann und dass Hass hierzulande keinen Platz hat.

Niemand sollte dabei die Demonstrantinnen und Demonstranten von Berlin, Hamburg oder München für naiv halten. Im Gegensatz zu den Besorgten und Wutbürgern haben viele von ihnen sehr konkret erlebt, auf welche Hürden und Nöte man treffen kann, wenn man gut miteinander auskommen will.

Das ist das Signal, dass von ihren Protesten ausgeht: Demokraten lassen sich nicht einschüchtern. Sie wissen sich zu wehren. Und es kommt auf jeden Einzelnen an.