Die Unteilbar-Demonstration beginnt gespalten. Weil sich am Berliner Alexanderplatz, wo die Route startet, die Fahrbahn der Straße teilt, muss sich die Spitze der Demo trennen. Ein Teil hat sich auf der einen Seite der Straße aufgestellt, der andere auf der anderen. Beide hinter einem Banner mit dem Motto der Veranstaltung: "#Unteilbar – Solidarität statt Ausgrenzung".

Aufgereiht hinter den Transparenten steht eine Frau mit ver.di-Weste, ein Mann hält ein Schild, das sich gegen Überwachung ausspricht, ein anderes verkündet: "Refugees Welcome". Parteiprominenz ist nicht zu sehen.

Doch bis es dann losgehen kann, dauert es. Erst müssen alle ihre Plätze finden, die Fotografen ihre Fotos schießen. Dann geht es drei Meter vor, dann muss wieder gestoppt werden. Noch mal Fotos. Die Ersten holen die Sonnencreme raus, bei wolkenlosem Himmel und über 25 Grad sind Hüte und Schirme ein beliebtes Accessoire. Gegen 13.15 Uhr setzen sich beide Seiten dann endlich in Bewegung.

Damit beginnt nach München und Hamburg in Berlin die dritte Großdemonstration unter dem Motto "Herbst der Solidarität". 40.000 Menschen waren angemeldet – gekommen sind 242.000 nach "belastbarer" Schätzung, wie die Veranstalter mitteilen.

Die Eisbären sind solidarisch

Seit August hatte ein breites Bündnis aus mehr als 450 bundesweiten Organisationen, Prominenten und lokalen Gruppen unter dem Motto "Solidarität statt Ausgrenzung – für eine offene und freie Gesellschaft" mobilisiert. Unter ihnen so unterschiedliche Organisationen wie Pro Asyl, die Naturfreunde, der Eishockey-Verein Eisbären Berlin und der Zentralrat der Muslime. Aber auch der Satiriker Jan Böhmermann, die Publizistin Carolin Emcke und die Band Die Ärzte. Auch Tausende Privatpersonen unterzeichneten den Aufruf.

Das Ziel der Demo: die Zivilgesellschaft in Deutschland vereinen. "Wir glauben, dass es in Deutschland eine große Mehrheit gibt, die gegen Rassismus und Abschottung und für Solidarität einsteht", sagt die Sprecherin des Unteilbar-Bündnisses Theresa Hartmann. Dabei wollen die Veranstalter nicht nur den Kampf gegen rechts ins Zentrum rücken, sondern auch die soziale Frage.

Wie breit das Bündnis wirklich aufgestellt ist, zeigte dann der Samstag: Im Demozug laufen Punks neben Eishockey-Fans und Eltern, die ihre kleinen Kinder tragen. "Ossis gegen rechts" verkündet ein Plakat, daneben schwenken Teilnehmer die Regenbogen- und die Europaflagge, lokale Mieterinitiativen laufen neben den Gewerkschaften. Andere fordern ein Ende der Todesstrafe weltweit oder mehr Pflegepersonal in Krankenhäusern.

"Sonst geht alles den Bach runter"

Viele Demo-Teilnehmer sehen diese breite Aufstellung positiv, sie sind gerade deswegen gekommen. Noel Rademacher, 46, fährt seine kleinen Kinder in einem Fahrradwagen hinter sich her. Er trägt Birkenstock und Jeans und will mit seiner Teilnahme der negativen Stimmung in Deutschland etwas entgegensetzen. "Es ist an der Zeit, sich zu zeigen, sonst geht alles den Bach runter", sagt er. Ähnlich sehen es Sarah, 39, und Sonja, 36. Sie finden es gut, dass so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, und hoffen, dass die Demo ein wenig wie die Loveparade wird.

Hans-Jürgen Fellmann-Meilicke, 62, hat sich hinter dem Lautsprecherwagen der Seebrücke eingereiht. Der Verein setzt sich für die Rettung Geflüchteter im Mittelmeer ein. Im Spanienurlaub erlebte Fellmann-Meilicke, von Beruf Arzt, wie ein Flüchtlingsboot kenterte und mehrere Menschen starben – ein einschneidendes Erlebnis für ihn. Um sich für Seenotrettung einzusetzen, ist er aus Potsdam zur Demo angereist.

Der Demonstrationszug von Unteilbar ist in verschiedene Gruppen mit eigenen Lautsprecherwagen unterteilt. Hinter dem Fronttransparent kommt recht schnell die Seebrücken-Gruppe, in der viele orangene Rettungswesten tragen. Von anderen Wagen schallt laute Musik, der Bass des Wagens mit der Aufschrift "Wendy-Leserinnen gegen rechts" ist schon von Weitem zu hören. Der "Glitzernde Block" ist an den silber-goldenen Rettungsdecken zu erkennen, die Teilnehmer als Fahnen schwenken.

Je nach Thema und Musik unterscheiden sich die Demo-Teilnehmer in unmittelbarer Nähe der Wagen. Während eine Gruppe mit Antifa-Flagge "Nationalismus raus aus den Köpfen" skandiert, läuft nicht weit davon eine Gruppe grauhaariger Gewerkschafter.

Warum die CDU nicht mitmacht

Auch Politikerinnen und Politiker aus dem linken Spektrum sind dabei, jedoch nicht in den vorderen Reihen. Die Berliner CDU unterstützte die Demonstration dagegen ausdrücklich nicht. Zur Begründung wies ihr Generalsekretär Stefan Evers darauf hin, dass der Anmelder ein Anwalt der Roten Hilfe sei, einer Organisation, die "linksextremistische Verbrecher" unterstütze. Grüne und SPD Berlin sind mit einem eigenen Wagen vertreten, die Linke hatte zusätzlich auch offiziell zur Teilnahme an der Demo aufgerufen.

Doch gerade bei der Linkspartei hatte die Debatte zur Unteilbar-Demonstration zuvor inhaltliche Trennlinien sichtbar gemacht. Während der Parteivorstand zur Teilnahme aufgerufen hatte, kritisierte Fraktionschefin Sahra Wagenknecht den Aufruf. Dort hatte sich das Bündnis auch für das Recht auf Schutz und Asyl und gegen die Abschottung Europas ausgesprochen. Der Aufruf endet mit den Worten: "Solidarität kennt keine Grenzen".

Bei einer Veranstaltung der Linken am vergangenen Dienstag sagte Wagenknecht, der Aufruf sei problematisch, weil "die Position 'offene Grenzen für alle' als einzige bestimmende Position" auftauche. Sie lese aus dem Text die Forderung "offene Grenzen für alle" heraus – mit der Menschen ausgegrenzt würden, die sowohl gegen offene Grenzen als auch gegen Rassismus seien. Wagenknecht nahm dementsprechend auch nicht teil, Mitglieder ihrer Sammlungsbewegung Aufstehen waren jedoch mit einem Wagen vertreten.

Solidarität, aber nicht offene Grenzen

Unteilbar-Sprecherin Hartmann hatte sich im Vorfeld von der Lesart Wagenknechts distanziert. "Um aus 'Solidarität kennt keine Grenzen' die Forderung nach offenen Grenzen rauszulesen, muss man den Aufruf schon sehr wörtlich nehmen." Ansonsten sei dies aber eine innerparteiliche Angelegenheit, die die Linke unter sich ausmachen müsse.

Von Politikern der Partei kam deutliche Kritik an Wagenknechts Aussagen. Die Fraktionschefin habe eine Grenze überschritten, sagte Stefan Liebich der taz. Und weiter: "Ich finde ihre Positionierung nicht richtig, und wir werden das auf Dauer nicht akzeptieren." Bei Demo-Teilnehmern der Linkspartei kamen die Aussagen Wagenknechts schlecht an. "Sie will eine Sammelbewegung – hier ist eine", sagte ein junges Parteimitglied.

Bei der Abschlusskundgebung rief die Publizistin Ferda Ataman zu einem solidarischen Miteinander auf. Später traten der Liedermacher Konstantin Wecker und Herbert Grönemeyer auf.

Wie groß die Demonstration schließlich geworden war, zeigte der nicht abreißende Strom an Teilnehmern. Während die Spitze am Endpunkt der Route, der Siegessäule, ankam, waren gerade erst die letzten Menschen vom Startpunkt Alexanderplatz losgelaufen.