Markus Reichel

Markus Reichel

Seit anderthalb Jahren herrscht an der Basis schon das starke Gefühl vor, dass sich was ändern muss, dass wir einen Wandel brauchen. Da werden als Delegierte dann auch eher mal Leute gewählt, die nicht schon ihr ganzes Leben in der Politik verbracht haben. Das hat mir wohl auch geholfen. Der jetzige Bundesparteitag ist erst der zweite, an dem ich teilnehme.

Ich bin Geschäftsführer eines mittelständischen Beratungsunternehmens, verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebe seit 1991 in Dresden. Seit 20 Jahren bin ich Mitglied der CDU und seit acht Jahren Landesvorsitzender der Mittelstandsvereinigung der CDU in Sachsen, was ein ziemlich zeitintensives Hobby ist. Im Januar dieses Jahres bin ich von meinem Kreisverband zum Delegierten für den Bundesparteitag gewählt worden.

Ich bin absolut kein Merkel-Kritiker, ich bin der Frau wirklich dankbar dafür, was sie gemacht hat und dass sie es gemacht hat. Trotzdem sind da seit drei Jahren mehrere Dinge zusammengekommen, nicht nur die Flüchtlingskrise, davor auch die Eurokrise, die Energiewende – also man hat gemerkt, dieses Weiter-so verfängt nicht mehr. Der Aufstieg der AfD hat ja Gründe, das hat auch mit fehlender Positionierung zu tun. Wir haben unsere Kernwählerschaft zugunsten von Randgruppen vernachlässigt. Die Ehe für alle zum Beispiel. Ich bin dafür, aber es wurde falsch angepackt. Merkel hat in den letzten zwei Jahren kommunikativ Dinge sehr schlecht gelöst, vor allem auch, was das Flüchtlingsthema angeht. Das hat auch dazu geführt, dass die CDU da steht, wo sie steht.

Aber wie sie ihren Rückzug angekündigt hat, die Art und Weise, wie wir jetzt einen neuen Parteichef wählen – darüber bin ich absolut happy. Wir haben drei gute Kandidaten für den Parteivorsitz, ich könnte mit jedem leben. Und das ist auch die Stimmung in meinem Kreisverband. Es gibt klar ausgeprägte Neigungen, aber keine totale Ablehnung. Ich würde zum aktuellen Zeitpunkt Merz wählen, ich lasse aber noch die nächsten Tage vergehen. Ich treffe mich noch mal mit Mitgliedern, da möchte ich auch aufnehmen, was die sagen und denken. Schon aus Respekt vor diesem Treffen würde ich nie sagen, meine Meinungsbildung ist abgeschlossen. In meiner Umgebung gibt es allerdings eine klare Pro-Merz-Stimmung. Die Mittelstandsvereinigung Sachsen hat eine Umfrage gemacht, da haben sich 80 Prozent für Merz ausgesprochen, in meinem Kreisverband, würde ich schätzen, sind zwei Drittel pro Merz.

Natürlich spielt für mich als Unternehmer seine wirtschaftspolitische Erfahrung eine Rolle, er hat in der Wirtschaft gearbeitet, kennt die Abläufe und die Erfordernisse. Gerade auf diesem Feld haben wir zuletzt oft keinen klaren Kurs gehabt. Da traue ich am ehesten Merz zu, die entsprechenden Fragen zu stellen und mit einer bestimmten ordnungspolitischen Verankerung zu beantworten. Dass er in den letzten Tagen couragiert bestimmte Themen angesprochen hat, über die man sprechen sollte, weil sie die Leute beschäftigen – zum Beispiel das Grundrecht auf Asyl –, ist gut. Die Zeit der Denk- und Sprechverbote sollte vorbei sein. Was nicht heißt, dass ich der Auffassung bin, dass das Asyl aus dem Grundgesetz raus soll. Aber viele Themen sind in den Jahren der asymmetrischen Mobilisierung nie angesprochen worden. Die Leute sind verunsichert, wofür wir eigentlich stehen. Merz hat schon dazu beigetragen, das zu beleben.