Als die Bundeskanzlerin vor gut zwei Wochen ihren Rückzug als CDU-Vorsitzende ankündigte, hat das einen regelrechten Bewerberboom ausgelöst. Insgesamt zwölf Christdemokraten signalisierten ihr Interesse am Parteivorsitz. Dreien von ihnen werden reale Chancen eingeräumt. Vom heutigen Donnerstag an präsentieren sie sich auf acht Regionalkonferenzen der Basis – bevor dann am 7. Dezember die Delegierten auf dem Hamburger Parteitag entscheiden, wer neuer Parteichef und damit wohl auch nächster Kanzlerkandidat der CDU wird. 

Wie lief die erste Phase in diesem innerparteilichen Wahlkampf? Welche Botschaften hatten die Kandidaten? Wer sind ihre Unterstützer? Und: Welche Chancen haben sie? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Friedrich Merz – der Überraschungskandidat

Er war der Erste, der sein Interesse signalisierte. Noch am selben Vormittag, an dem Merkel ihren Verzicht erklärte, hieß es bereits: Merz stünde bereit. Sein Comeback nach neun Jahren politischer Pause löste einen kleinen Hype aus. Seine Anhänger in der Union jubelten: Merz sei "ein Mythos". Ein Mann, der zuspitzen kann, der eloquent ist, der Orientierung bietet. Wirtschaftsliberale, Konservative und auch andere Unzufriedene sahen in ihm, dem alten Rivalen der Kanzlerin, die richtige Antwort auf 18 Jahre Merkel. Auch die Medien stürzten sich auf ihn – er bestimmte zunächst die Schlagzeilen und Titelgeschichten

Allerdings bringt diese Aufmerksamkeit auch Nachteile mit sich: All seine Aussagen und Tätigkeiten der vergangenen Jahre werden nun kritisch durchleuchtet. Für Alarmstimmung unter Merz-Anhängern sorgte vorige Woche die Durchsuchung des Vermögensverwalters BlackRock, dessen Aufsichtsratschef Merz ist. Obwohl gegen ihn nicht direkt ermittelt wurde, zeigte der Vorgang: Merz ist verwundbar. Erste Unionspolitiker sprachen sich von da an offen gegen ihn aus. Sie warnten vor seinem Image als Lobbyist und Vertreter der gierigen Finanzindustrie. Merz weiß, dass er damit immer wieder konfrontiert werden wird. Offensiv versucht er, seine eigene Erzählung dagegenzuhalten. Er rechne sich der "oberen Mittelschicht" zu, sagte Merz, obwohl er gleichzeitig einräumte, Millionär zu sein. Der Politik täten außerdem Experten gut, die auch mal was anderes gemacht hätten, als nur im Parlament herumzusitzen. 

Dennoch: Der Merz-Zug wirkt seither gestoppt, noch bevor er so richtig ins Rollen kam. Er muss nun auf seine Wirkung bei den Regionalkonferenzen setzen. 

Wofür steht er?

Merz steckt in einem Dilemma. Er ist bekannt als Antipode der Kanzlerin, stilistisch wie inhaltlich. Genau das schätzen seine Fans. Allerdings darf er das nicht zu sehr zeigen. Schließlich sorgen sich viele Unionsanhänger, dass er als Parteichef die Arbeit der Kanzlerin und der Bundesregierung destabilisieren könnte. Deshalb betont Merz bisher immer wieder, dass ihm an einer gedeihlichen Kooperation mit Merkel gelegen sei. Mit ihm werde es "keine konservative Revolution" geben. Auch wolle er nicht bloß auf liberale Wirtschaftspolitik reduziert werden.   

Stattdessen lobt Merz geradezu überschwänglich die Grünen als potenziellen Koalitionspartner und greift die AfD frontal an, indem er sie als "offen nationalsozialistisch" bezeichnet. Weder die Atomwende noch die Ehe für alle und den Mindestlohn will er künftig infrage stellen. Mehrfach betonte er, wie wichtig ein stärkeres Engagement Deutschlands in der EU sei. Manches davon ging seinen Anhängern zu weit. Dass Merz in einem Aufruf als Co-Autor für eine europäische Arbeitslosenversicherung geworben hatte, erzürnte sie. Merz distanzierte sich daraufhin von seinem Text und gilt manchen seither als wankelmütig.

Wer unterstützt ihn?

Merz ist der Wunschkandidat der deutschen Wirtschaft. Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger sprachen sich mehr als 70 Prozent der 114 befragten Führungskräfte für Merz aus. Sie erhoffen sich von ihm am ehesten die unter Merkel vernachlässigten Reformen für den Wirtschaftsstandort.

Ein weiteres wichtiges Unterstützernetzwerk ist der sogenannte Andenpakt: eine Gruppe ehemals einflussreicher CDU-Politiker, die Merz zur Kandidatur aufgefordert haben sollen. Wichtig für Merz war auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der Merz überredet und frühzeitig unterstützt hat.  

Beliebt ist er auch – trotz seines Alters – bei der Jungen Union.  

Der Slogan

Aufbruch, kein Umsturz