Nein, diese Frau wird keinen politischen Hype auslösen. Weder in ihrer Partei, der CDU, noch in der Gesellschaft wird es glühende Kramp-Karrenbauerianer oder frenetische Annegret-Jünger geben, die mit Inbrunst für die amtierende CDU-Generalsekretärin als neue Parteichefin werben werden. Dass sich bis zum CDU-Parteitag Anfang Dezember eine AKK-Bewegung formiert, ist äußerst unwahrscheinlich. Zumindest jenseits des Saarlandes.

Das liegt zunächst einmal an Kramp-Karrenbauer selbst, an ihrem Naturell. Sie ist keine mitreißende Rednerin, keine Politikerin, die mit ihren Sätzen Begeisterung oder wenigstens große Neugier auslöst. Zu beobachten war dies am Mittwochvormittag, als Kramp-Karrenbauer auf einer Pressekonferenz in Berlin ihre Kandidatur erklärte. Schon die ersten Worte ihres Auftritts sollten programmatisch für die restlichen 40 Minuten werden. "Nur die Ruhe. Nur die Ruhe", sagte sie zu den Fotografen, die sich um sie drängten, um das beste Foto zu bekommen. Es klang nach Routine, nach Pflichterfüllung, nach nicht besonders ausgeprägter Eitelkeit.

Was für ein Unterschied zu Friedrich Merz, ihrem aussichtsreichsten Rivalen um den Parteivorsitz. Der hatte bereits vor acht Tagen in Berlin seine Kandidatur ausführlich begründet. Ganz anders als Kramp-Karrenbauer, so viel war schnell zu erkennen, genoss Merz das große Interesse. Er aalte sich förmlich im Blitzlichtgewitter.

Auch Jens Spahn, der dritte halbwegs aussichtsreiche Anwärter auf den CDU-Vorsitz, ist Merz nicht unähnlich. Beide sind überaus selbstbewusst, sie lieben provokante Formulierungen, sie verstehen es, einen Saal von Parteianhängern und -anhängerinnen in wenigen Sekunden zum Jubeln zu bringen. Inhaltlich stehen beide für den Parteiflügel, der in den 18 Merkel-Jahren am meisten gelitten hat. Für all jene, die die Union wieder rechter, konservativer, patriotischer, wirtschaftsfreundlicher sehen wollen.

Keine Vorkämpferin eines bestimmten Flügels

Dieses Bedürfnis erfüllt Kramp-Karrenbauer nicht. Will sie aber auch gar nicht. Genauso wenig, wie sie sich zur expliziten Vorkämpferin des anderen Flügels machen will, all jener vor allem junger und weiblicher Wählerinnen, die Merkel in ihren besten Jahren der Union hinzugewonnen hatte. Und die die Partei nun im etwa gleichen Umfang wieder verlassen wie die Neu-AfD-Wähler. Dabei wäre das inhaltlich durchaus möglich: Sie gilt als linker als der CDU-Mainstream, was die Sozialpolitik angeht. Und als konservativ in manchen gesellschaftspolitischen Fragen. Klar ist auch: Anders als Merz ist sie keine Neoliberale. Aber all das erfährt man von ihr am Mittwoch nicht.

Kramp-Karrenbauer positioniert sich bewusst in der Mitte. Immer wieder betont sie die "Geschlossenheit" der Partei als zentrales Gut. Sie will in ihrer aufgewühlten, zerstrittenen Partei vermitteln, divergierende Strömungen integrieren, "alle Flügel und Wurzeln" der Union mitnehmen. Sie präsentiert sich als Moderatorin, als Zuhörerin, nicht als Wegweiserin oder Visionärin.

Kramp-Karrenbauer will eben genau davon profitieren, dass sie kein allzu markantes Profil hat. Sie will für alle Seiten wählbar bleiben. In ihrer Zeit als Generalsekretärin hat sie in die zahlreichen Vereinigungen der CDU hineingehorcht und hält sich ein ausgeprägtes Problembewusstsein zugute. Sie kenne all die Punkte, die in der Partei für Frust sorgen, sagt sie. Einer ihrer Standardsätze am Mittwoch war: "Darauf müssen wir Antworten finden." Sei es auf das von ihr ausgemachte Bedürfnis der Deutschen nach mehr Sicherheit, sei es auf die nachlassende Innovationskraft Deutschlands, sei es auf die ökologischen, sozialen oder sonstigen Herausforderungen. Wie die Antworten allerdings aussehen sollen, wurde nicht mal andeutungsweise klar.

Merz hingegen ist ein Mann, der zwar pointiert und gerne redet, aber nur ungern zuhört. In seiner kurzen Zeit als Fraktionschef blieb er seinen CDU-Kollegen nicht nur als Schöpfer solch eingängiger Konstrukte wie der Bierdeckel-Steuererklärung in Erinnerung, sondern auch als ein Chef, der sichtlich unruhig wurde, wenn andere Fraktionskollegen ausführlich zu sprechen begannen. Er ist ein Sender, Kramp-Karrenbauer sieht sich eher als Empfängerin. Sie hofft, dass sie damit dem Bedürfnis ihrer Partei entspricht. Dass die Union nach den langen Merkel-Jahren, in denen man oft eine so deklarierte "alternativlose" Politik hat abnicken müssen, sich erst mal neu verorten und positionieren müsse. Und dass die Partei nicht einfach so einem Heilsverkünder, der ein Jahrzehnt lang nichts mit der aktuellen Politik zu tun hatte, die Deutung überlassen will.