Sie wolle "keinen Wahlkampf" gegen Spahn und Merz führen, betont Kramp-Karrenbauer. Ihre Agenda ist ja das Appeasement, sie will keinen "ruinösen Wettbewerb", sondern, im Gegenteil, im Falle ihres Sieges die beiden Rivalen so gut es geht einbinden. Gleichwohl lässt sie anklingen, dass sie die größte Erfahrung von allen Anwärtern hat: Sie war Ministerpräsidentin, sie hat Wahlkämpfe gewonnen und diverse Koalitionen geschmiedet. Dass die Herren Merz und Spahn auf diesen, für die Politik nicht ganz unwichtigen Gebieten ziemlich unbeleckt sind, sagt sie zwar nicht. Aber es schwingt natürlich mit.

Zu routiniert, zu regierungserfahren will Kramp-Karrenbauer allerdings auch nicht rüberkommen. Ein Umstand, der ihre Kandidatur etwas kniffelig macht, ist ja, dass sie die Wunschnachfolgerin von Angela Merkel ist, aber als solche nicht wahrgenommen werden will. Als "Mini-Merkel" wird die Politikerin mit dem komplizierten Namen in der Auslandspresse beispielsweise schon bezeichnet.

Während Merz also in den kommenden Wochen immer wieder wird betonen müssen, dass er mit Merkel durchaus zusammenarbeiten könne, muss Kramp-Karrenbauer das Gegenteil tun. Sich sanft von Merkel abgrenzen, um Eigenständigkeit zu demonstrieren. Aber gleichzeitig weiter so loyal auftreten, dass Merkel noch eine Weile als Kanzlerin im Amt bleiben kann. Kramp-Karrenbauer testet dafür am Mittwoch bereits die Formulierungen: Merkel müsse man für "sehr, sehr vieles" danken (nicht für alles!) Man könne die Ära Merkel "nicht beliebig fortsetzen", aber auch "nicht rückgängig machen".

Ob dieser Sowohl-als-auch-Kurs reicht? Schwer zu sagen. Die Dynamiken, die derzeit in der CDU wirken, sind komplex und widersprüchlich. Die Partei erlebt den ersten offenen Wettbewerb um ihre Spitze seit fast 50 Jahren. Anders als die SPD, die allein in der Ära Merkel sieben Parteichefs hatte, hat sie keine Übung und keine Muster im internen Machtkampf.

In der Union misstraut man dem Merz-Hype

Momentan gilt Friedrich Merz als der Mann der Stunde. Die ersten Umfragen hat er angeführt. Er hat eine Botschaft und er hat Fans, selbst im AfD-Lager. Allerdings wird der neue CDU-Chef nicht vom Volk gewählt, nicht mal von der Parteibasis, sondern von gut 1.000 Delegierten. Und deren Tendenz ist noch uneindeutig. Die meisten Spitzenpolitiker hüten sich, für einen der drei Anwärter Partei zu ergreifen. Mit dem Wahlsieger will man es sich schließlich nicht verscherzen.

Aber zwischen den Zeilen lässt sich schon vernehmen, dass viele Unionsgranden dem augenblicklichen Merz-Hype misstrauen. Noch weiß man wenig, über all seine Äußerungen und Tätigkeiten in der Vergangenheit. Zudem ahnen sie, dass mit Merz der Streit in Partei und Regierung nicht weniger werden wird. Ähnlich bei Spahn, der sich fast ausschließlich am Flüchtlingsthema abarbeitet, seit er seine Kandidatur bekannt gegeben hat.

Dass Annegret Kramp-Karrenbauer also weniger Strahlkraft hat als ihre Konkurrenten, muss nicht gegen sie sprechen. Im Gegenteil. Es könnte ihr entscheidender Vorteil sein. Sie wäre die Kandidatin des Partei-Establishments. Sie wäre die Parteichefin des Konsenses. Sie wäre diejenige, die die gütliche Erbfolge nach Merkel am besten gewährleisten könnte.