Selbst altgediente Parteimitglieder können sich am Donnerstagabend in Lübeck nicht daran erinnern, wann in der CDU das letzte Mal derart leidenschaftlich – weil ergebnisoffen – über Politik diskutiert wurde. Mehrere Hundert Mitglieder sitzen, stehen, wuseln durch das ehemalige Werftgebäude aus Backstein und Industriestahl im Norden der Hansestadt. Es sind noch über zwei Stunden, bis sich die drei Kandidaten um den CDU-Vorsitz hier der Diskussion mit der Basis stellen. Trotzdem sind die ersten Stuhlreihen schon besetzt.

Regionalkonferenzen sollen den Wettbewerb um das höchste Parteiamt befeuern. Lübeck ist die erste Station, sieben weitere werden folgen. Am Ende der ersten drei Stunden von Lübeck stellt ein junger CDU-Mann eine wichtige und mit Blick auf die Bewerberkonstellation die überraschendste Frage des Abends: "Können Sie vielleicht noch mal die Unterschiede herausstellen? Wir haben jetzt so oft gehört, wo sie sich einig sind."

Einigkeit, das darf als Vorwurf schon überraschen, ist das ganze Format doch in etwa angelegt wie eine Talkshow, nur dass nicht der Gastgeber die Fragen stellt, sondern Mitglieder an Mikrofone im Saal treten. Und schließlich diskutieren hier drei CDU-Kandidaten, die kaum miteinander vereinbar scheinen: Friedrich Merz, der wertkonservative Wirtschaftsliberale, der nach zehn Jahren Polit-Auszeit wieder angreift. Jens Spahn, konservativer Quälgeist der Bundeskanzlerin, jung und ambitioniert. Und Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren schwerste Aufgabe es ist, sich gleichzeitig von ihrer Förderin Angela Merkel abzusetzen, ohne illoyal zu wirken. Ersterem wird ein unschlagbares Gefühl für die Wünsche der Basis nachgesagt. Letztere gilt als verlässliche Wahl – und daher Favoritin des Partei-Establishments. 

Merz hat große Versprechen mitgebracht

Den Auftakt zu dieser Tour durch die CDU macht Kramp-Karrenbauer mit einer kurzen Vorstellung – so will es das Los. Sie beginnt mit einer eigenen Version von Merkels Wahlkampf-Slogan Sie kennen mich. "Es ist schön, wieder hier zu sein und so viele vertraute Gesichter zu sehen", sagt sie. Tatsächlich war sie in ihren ersten Monaten als Generalsekretärin unermüdlich unterwegs auf ihrer sogenannten Zuhörtour, um in die Partei hineinzufühlen und daraus ein neues Grundsatzprogramm zu formen.

Nach wenigen Minuten kommt sie selbst offensiv auf das Thema, das sie als Anhängerin des Merkel-Lagers verletzlich macht wie kein zweites: die Flüchtlingsfrage. "Seit dem Herbst 2015 haben viele die Sorge, ob die CDU noch die Partei der inneren Sicherheit ist", sagt sie. "Wir dürfen uns unter der Debatte nicht wegducken, die Diskussion darf uns aber auch nicht lähmen." Sie verspricht Aufarbeitung. Innen- und Integrationsexperten sollen nächstes Frühjahr zusammenkommen und "endgültig klären: Wie beurteilen wir den Herbst 2015".

Dann ist Merz dran. Mit dem viele die Hoffnung, aber nicht wenige die Befürchtung verbinden, er werde die CDU wieder zu der Partei machen, in die er 1972 eingetreten ist. Merz beteuert erst mal, es werde nichts dergleichen passieren: "Die CDU ist eine Partei der Mitte, die verschiebt man nicht nach rechts oder links", sagt er. Und weil AKK ihm wenige Augenblicke zuvor die Pointe mit dem Rechtsstaat gemopst hat, was er natürlich auch so sieht, schiebt er schnell noch hinten nach: "Die Ausstattung unserer Soldaten ist inakzeptabel." Er betont dabei jede Silbe, was gut ist, denn sonst wäre alles ab "...zeptabel" im Jubel der Basis untergegangen.

"Hätte es mit Merz die AfD nie gegeben?", fragte die Bild-Zeitung vor einigen Tagen auf ihrer Titelseite. Merz drosselt sich in den letzten Wochen immer wieder selbst, um nicht zu sehr als der Hätte-könnte-wäre-Kandidat von Vorgestern zu wirken. Doch zum Schluss seines Vortrags geht es kurz mit ihm durch: Die CDU könne bei Wahlen im Bund wieder bei 40 Prozent stehen, verspricht er. "Und dann traue ich mir zu, die AfD mit ihren Wählerinnen und Wählern zu halbieren." Eine Aussicht so süß und verlockend, dass sie heftig beklatscht wird.