Die Opfer der früheren Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile sollen finanziell entschädigt werden. Im kommenden Jahr sind "konkrete und direkte" Leistungen in Höhe von einer Million Euro vorgesehen. Die Mittel wurden vom Haushaltsausschuss in der Nacht zum Freitag in die Vorlage von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) eingearbeitet.

Die Colonia Dignidad war 1961 von dem aus Deutschland geflohenen ehemaligen Wehrmachtsgefreiten und Laienprediger Paul Schäfer gegründet worden. Auf der Anlage etwa 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago versprach der aus einem freikirchlichen Umfeld stammende Schäfer seinen Anhängern ein "urchristliches Leben im Gelobten Land". Tatsächlich führte Schäfer ein diktatorisches Regime und schottete die Sektenmitglieder von der Außenwelt ab.

Zu den Verbrechen zählten unter anderem Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit und Sklaverei, Kindesmissbrauch, Körperverletzung, Folter und Verabreichung von Psychopharmaka ohne medizinische Indikation. Während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet bis 1990 wurden in der Colonia Dignidad Hunderte Regimegegner vom chilenischen Geheimdienst gefoltert, vergewaltigt und viele Menschen ermordet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte im Oktober mit dem chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera bei dessen Besuch in Berlin eine Aufarbeitung der Vorgänge abgesprochen. In Deutschland wurde eine gemeinsame Kommission von Vertretern des Kanzleramts und mehrerer Ministerien sowie acht Bundestagsabgeordneten eingesetzt.

Die nun zugunsten der Opfer eingeplanten Mittel wurden im Bundeshaushalt vorerst mit einer Sperre versehen, bis sich die Kommission auf ein Konzept für einen Hilfsfonds verständigt hat. Dieses soll bis zum kommenden Sommer vorliegen.

"Ein wichtiger Schritt"

"Es geht langsam", aber immerhin seien jetzt "Dinge auf den Weg gebracht" worden, sagte die Grünen-Politikerin Renate Künast. So seien die Regierungen Deutschlands und Chiles auch auf einem guten Weg, "um zur Ausschreibung für ein Gedenk- und Dokumentationszentrum in Chile vor Ort zu kommen". Dies seien "wichtige Schritte, um deutsche Geschichte, auch unrühmliche Teile, aufzuarbeiten".

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand teilte mit, die Opfer der Colonia Dignidad seien schon zu lange ignoriert worden. Die Entscheidung zugunsten der Gelder für den Hilfsfonds sei nun "ein wichtiger Schritt, denn die Opfer von Zwangsarbeit, Folter und Missbrauch brauchen konkrete Unterstützung". Brand wies darauf hin, dass nun noch im November und Dezember zwei Anhörungen mit Opferverbänden und Expertinnen und Experten in Berlin angesetzt seien.

2016 hatten Union, SPD und Grüne im Bundestag die Bundesregierung zu Maßnahmen aufgerufen, um die strafrechtlichen Ermittlungen in Deutschland und in Chile voranzutreiben. Auch forderten sie psychosoziale Betreuungsangebote für die Opfer der "Kolonie der Würde", den Aufbau einer Begegnungs- und Gedenkstätte sowie Hilfsleistungen. In einem Konzept, das die Bundesregierung im Juni vorlegte, wurden individuelle Zahlungen allerdings ausgeschlossen. Dies hatte bei vielen Bundestagsabgeordneten für Empörung gesorgt.