Robert Habeck spricht gerade mal zwei Minuten, da trommeln die Grünen in Leipzig We will rock you auf die Tische. Drei Tage haben sie hart gearbeitet, lang diskutiert und abgestimmt – und das in einer Zeit, in der Parteienpolitik einen schlechten Ruf hat. Nun ist der Parteitag zur Europawahl fast vorbei – und ein wenig Zeit, sich selbst zu feiern. Das tut der Grünen-Chef in seiner Abschlussrede.

Schon die Kandidatenliste ist Habeck ein Lob wert: 40 Anwärterinnen und Anwärter für das Europaparlament haben die Grünen aufgestellt, die Hälfte davon Frauen. Denn, sagt Habeck als Mann, "die Frauen sind schlauer als wir". Auf dem Großbildschirm der Tagungshalle in Leipzig wandelt er zumindest optisch durch eine Gebirgslandschaft mit sattgrüner Wiese – die Parteitagsdesigner haben ihn vor eine Leinwand platziert, auf die ein Beamer wechselnde Hintergründe wirft. Die perfekte Inszenierung für schöne Erinnerungen, schöne Fotos und die TV-Abendnachrichten. 

In einer Zeit, in der im Land die Populisten laut sind, ging es beim Parteitag der Grünen meist leise zu. Auf der Bühne in Leipzig spielte der Pianist Igor Levit Beethoven, im piano. Man sprach nur gut übereinander, parteiweit herrscht Harmonie. Die Wahlerfolge, die Mitgliederzahl – für die Grünen es geht derzeit krass aufwärts. Doch jeder Fehler kann den Erfolg kosten. Radikale Programmatik ist deshalb in den Weiten des Europawahlprograms versteckt, das die fast 800 Delegierten in Leipzig beschlossen. Darunter das Ziel, Plastikmüll bis 2030 zu halbieren. "Das ist radikal", ruft Habeck. Wenn dieser grüne Radikalismus sich bei der Europawahl auszahlt, könnte er auch zum politischen Mainstream werden. So zumindest wünscht es sich Habeck. 

Die Abschlussrede des Bundesvorsitzenden dient dem Wohlgefühl der Partei, der Delegierten, die jetzt in die Wahlkreise zurückkehren und bis Mai 2019 einen harten Stimmenkampf vor sich haben. Für eine Wahl, die gemeinhin auf weit weniger Interesse stößt als Bundestag- und Landtagswahlen. Habeck definiert Europa als das neue Zentrum der Politik, als den Ort, in dem sich verlorenes Grundvertrauen neu schaffen lässt. "Europa handelt davon, Handlungsfähigkeit der Politik wieder herzustellen." 

Auf Kanzlertauglichkeit abgeklopft

Um Politik vom Abstrakten konkret in den Alltag zu holen, stellt Habeck in den Mittelpunkt seiner Erzählung den Menschen – als politischen Akteur und als Nutznießer zugleich. "Wir erleben eine Rückkehr der analogen Politik", sagt er, mit Menschen als Gestalter, die "Leidenschaft und Optimismus verkörpern". Habeck spricht nahezu frei, ein Rednerpult braucht er nicht. Gemessen am immer wieder ausbrechenden Jubel wird der Parteichef hier nahezu vergöttert.

Seit der Schleswig-Holsteiner mit seiner niedersächsischen Co-Chefin Annalena Baerbock die Grünen erfolgreich und geräuschlos führt, wird er auf Kanzlertauglichkeit hin abgeklopft. So abwegig ist die Idee eines Grünen-Kanzlers nicht. In der letzten Hochphase der Grünen, als Winfried Kretschmann 2011 den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus ablöste, wurden Grüne wie Renat Künast, Jürgen Trittin und Cem Özdemir in Umfragen als tauglich für den Regierungsposten im Berliner Kanzleramt genannt. Und vor der Bundestagswahl 2017 sprachen sich selbst SPD- und Linkspartei-Wähler mehrheitlich dafür aus, dass die Grünen einen Kanzlerkandidaten nominieren sollten.    

Können die Grünen Kanzler? Die Frage stellt sich umso mehr, weil derzeit alles offen ist: Die tradierten Parteienlager sind aufgelöst. Die CDU befindet sich im Führungswechsel, drei Anwärter kandidieren. Sowohl Friedrich Merz, Jens Spahn als auch Annegret Kramp-Karrenbauer könnten mit der nächsten Wahl die Nachfolge Merkels im Kanzleramt antreten. Oder auch nicht, wenn die Union noch weiter abbaut und mit einer etwas stärkeren SPD eine linke Mehrheit möglich würde – vielleicht sogar unter Grünen-Führung. 2011 schlossen die Umfragen ein solches Szenario nicht aus. Und der Anteil der SPD schwindet weiter, während die Grünen zulegen. In einer solchen Konstellation verträte die SPD das Arbeitermilieu, das den akademisch dominierten Grünen fehlt. Noch geben die Zahlen ein solches Bündnis nicht her. Aber es wird denkbar.