Europawahl - Grüne wählen Ska Keller und Sven Giegold zum Spitzenduo Die Grünen haben die EU-Abgeordneten Ska Keller und Sven Giegold als Kandidaten für die Europawahl im Mai gewählt. Beide betonten, Rechtspopulismus in Europa bekämpfen zu wollen. © Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Die Grünen haben ihre Spitzenkandidaten für die Europawahl bestimmt. Ein Parteitag wählte die brandenburgische Europaabgeordnete Ska Keller auf Platz eins der Kandidatenliste der deutschen Grünen für die Wahl im Mai 2019. Keller erhielt 88 Prozent der Stimmen in der Leipziger Tagungshalle. Die 36-Jährige sitzt seit 2009 im Straßburger Parlament und ist seit 2016 dort Chefin der Fraktion der Grünen. Zuvor war sie Grünen-Landeschefin in Brandenburg.

Ihre Bewerbung begründete die in Guben aufgewachsene Keller auf dem Parteitag auch mit ihrer Herkunft. "Mir liegt dieses Europa am Herzen", sagte sie und erinnerte an die DDR, "wo bei Wahlen schon immer vorher feststand, wer die Sieger sind". Sie erinnerte an die heute wieder bestehenden Demokratiedefizite in Polen oder Ungarn, wo Richter entlassen und Nichtregierungsorganisationen in ihrer Arbeit behindert werden. "Heute ist es Europa, das für Demokratie einstehen muss", sagte sie. "Wir stellen uns gegen den Rechtsruck, wir schützen Grundrechte."

Keller hat in Berlin und Istanbul Islamwissenschaft, Turkologie und Judaistik studiert. In der Partei gehört sie zum linken Flügel. Sie lehnte sehr früh etwa das Ceta-Handelsabkommen mit Kanada ab, das andere in der Partei zumindest mit Einschränkungen akzeptieren würden. Schon 2014 war Keller die europäische Spitzenkandidatin der Grünen. Ende November will sie sich auf einem Parteitag der europäischen Grünen in Berlin erneut für diese Position bewerben. "Für mich ist das Europaparlament gerade das spannendste Parlament, das wir haben", hatte Keller ZEIT ONLINE in einem Interview gesagt.

Auf den Listenplatz zwei wählten die Delegierten Sven Giegold. Mit 738 von abgegebenen 745 Stimmen erzielte er ein Ergebnis von fast 98 Prozent. Der 48-Jährige aus Nordrhein-Westfalen kam 2009 ins Europaparlament, ein Jahr nach seinem Eintritt in die Partei. Als Umweltaktivist gehörte er 2000 zu den Mitgründern des globalisierungskritischen Netzwerks Attac, das zu rot-grünen Regierungszeiten auch zu den Kritikern der Grünen-Partei zählte.

In seiner Bewerbungsrede setzte sich Giegold ("Ich bin ein realistischer Träumer") entschieden von Europafeinden ab und verwies auf den Nutzen des Staatenverbundes: Europa bedeute "Freiheit, nicht Festung", es biete Zukunft  – "Nationalismus bedeutet Vergangenheit", sagte Giegold unter Applaus der Delegierten. Europa sei stark genug, um beim Klimaschutz etwas zu bewegen. "Deshalb werden wir diese Wahl zur Klimawahl machen." Giegold sagte auch, Deutschland sei einer der größten Profiteure der europäischen Einigung.

Der Kritiker einer Globalisierung, die allein Unternehmen nützt, versprach zudem sich gegen Steuerflucht in der EU zu engagieren: Er werde "nicht nachgeben, bis die Steuern dort bezahlt werden, wo sie erwirtschaftet werden." Er räumte aber auch ein, man müsse unterscheiden "zwischen dem, wo man hin will, und dem, was man in Kompromissen erreichen kann". Kompromisse seien "kein Verrat".

Giegold ist einer der engagiertesten Unterstützer des Protestes gegen das Abholzen des Hambacher Forsts in NRW, der dem Braunkohleabbau weichen soll. Er hat Wirtschaftspolitik und Entwicklung studiert, an deutschen Universitäten und in Birmingham. Bis heute hat er keinen Führerschein, wie er sagt. "Ich weiß gar nicht, wozu ich den brauche", sagte er am Rande des Parteitages.

Im weiteren Tagesverlauf wollen die Grünen die weiteren Plätze der Liste besetzen: 40 Kandidaten sollen nominiert werden. Zudem diskutieren und beschließen die 850 Parteitagsteilnehmer ein Wahlprogramm für die Europawahl. Der Entwurf beschreibt über viele Kapitel hinweg Klimaschutz als Mittel gegen politische Problemstellungen. Mangelnder Klimaschutz gefährde auch Arbeitsplätze und letztlich auch die Staatsfinanzen, sagte Parteichefin Annalena Baerbock während des Parteitages.