Nach Angela Merkels Ankündigung, auf den CDU-Parteivorsitz zu verzichten, sieht ihr Vorgänger im Kanzleramt, Gerhard Schröder (SPD), einen dramatischen Machtverlust der Bundeskanzlerin. "Die Vertrauensfrage ist für jeden Kanzler eine Möglichkeit, Gefolgschaft zu erzwingen. Ich würde es an ihrer Stelle heute machen", sagte Schröder der Rheinischen Post. Merkel habe ihren Zenit überschritten.

"Die Kanzlerin hat ihre Verdienste, aber die Reform Europas traue ich ihr nicht mehr zu. Man weiß ja auch nicht, wie lange sie noch im Amt ist", sagte Schröder. Auch die Dinge in ihrer Partei habe die Kanzlerin nicht mehr im Griff. Der Verzicht auf das Parteiamt sei ein Fehler. 

Die Arbeitsteilung zwischen Bundeskanzleramt und Parteivorsitz könne in der SPD sinnvoll sein, in der CDU aber nicht, sagte Schröder weiter. "Die CDU ist eine Partei, die auf Machterhalt setzt und sich danach ausrichtet. Da ist für einen Regierungschef der Parteivorsitz wichtig." Es gebe nun "eine Gefahr von Neuwahlen".  

Merkel hatte stets argumentiert, dass Parteivorsitz und Kanzlerschaft zusammengehören. Dabei hatte sich auch auf die Erfahrungen von Schröder hingewiesen. Als der damalige Bundeskanzler dies 2004 in der SPD getan hatte, sagte Merkel: "Das ist der Anfang vom Ende des Bundeskanzlers und ein Autoritätsverlust auf der ganzen Linie." Jetzt hat sich auch Merkel für diesen Schritt entschieden. Ihr sei bewusst, dass die Trennung ein Wagnis ist, sagte die Kanzlerin.

Schröder rechnet mit vorgezogener Bundestagswahl

An diesem Wagnis wird laut Schröder auch die große Koalition zerbrechen. Er persönlich rechne mit Friedrich Merz als Nachfolger für den CDU-Vorsitz, sagte der Altkanzler am Abend bei einer Festveranstaltung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Merz werde aber kaum "die besonderen Loyalitäten" übrig haben, die erforderlich seien, damit die Trennung von CDU-Vorsitz und Kanzlerschaft klappen könne, fügte Schröder hinzu. "Und ich kann mir nicht vorstellen, dass - naja - meine Partei alles aushalten kann." Deshalb rechnet Schröder mit einer vorgezogenen Bundestagswahl "spätestens im Frühsommer" nächsten Jahres.

Merz' Kandidatur für den Parteivorsitz hält Schröder im Hinblick auf die CDU für falsch: "Das wäre ja eine Rückkehr zur alten CDU mit rückwärtsgewandten Antworten auf die aktuellen Herausforderungen." Für die SPD wäre das seiner Ansicht nach aber gut. "Wenn die CDU nach rechts rückt, ist Platz in der Mitte. Nur muss die SPD diesen Platz dann auch politisch ausfüllen wollen."