Ein selbstbestimmter Abgang – das war mal das große Ziel von Horst Seehofer. Es ist nun anders gekommen. Als Seehofer an diesem Freitagvormittag in einer dürren schriftlichen Erklärung verkündete, dass er das Amt des Parteivorsitzenden aufgeben werde, war das längst keine freie Entscheidung mehr. Es war nicht mal mehr eine Neuigkeit. Seine Parteifreunde waren ihm längst zuvorgekommen, sein Abschied stand schon seit Tagen fest. Sie haben verhindert, dass Seehofer selbst ihn zuerst verkündet, wie es ursprünglich geplant war und wie er wenigstens einen Anschein von Selbstbestimmung hätte wahren können.

Seehofer geht aber nicht nur als Getriebener. Er geht auch als Gescheiterter. Er wollte die Partei modernisieren und so zu alter Macht und Herrlichkeit führen. Das war sein Ziel, als er 2008 den Parteivorsitz übernahm. Jetzt, zehn Jahre später, ist klar: Mehr als ein Zwischenhoch hat er seiner Partei nicht gebracht.

Er gibt die CSU in desolaterem Zustand ab, als er sie übernommen hat. Von der absoluten Mehrheit, die über Jahrzehnte das Selbstverständnis der bayerischen Konservativen prägte, ist die Partei weiter entfernt als damals. Und statt nur einer Konkurrenzpartei am rechten Rand gibt es neben den Freien Wählern mit der AfD nun noch eine zweite. Die Zersplitterung des rechten Lagers ist in Bayern weiter fortgeschritten als in anderen Bundesländern.

Jovial, witzig, selbstironisch

Dabei hatte es eigentlich, das macht es jetzt besonders bitter, so hoffnungsvoll begonnen. Nach der kurzen Amtszeit von Erwin Huber als Parteichef und Günther Beckstein als Ministerpräsident, die 2007 den gestürzten langjährigen Partei- und Regierungschef Edmund Stoiber abgelöst hatten, schien Seehofer der richtige Mann für den Neuanfang. Mit seiner jovialen, witzigen und manchmal selbstironischen Art unterschied sich schon sein Stil positiv von dem seiner beiden eher blassen Vorgänger. Zugute kam ihm auch, dass er auf eine langjährige bundespolitische Erfahrung zurückblicken konnte.

1980 war er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden – zu einer Zeit also, als der Bundeskanzler noch Helmut Schmidt hieß und viele der heute aktiven CSU-Politiker noch Kinder waren. 1992 wurde er Gesundheitsminister und von Medien als "Siegfried der Sozialpolitik" gefeiert. Ein Ruf, den er noch festigte, als er 2004 aus Protest gegen die von Angela Merkel favorisierte Kopfpauschale im Gesundheitswesen sein Amt als stellvertretender Fraktionsvize aufgab. Mit Seehofer verband sich deswegen auch die Hoffnung, der CSU im Bund wieder mehr Einfluss zu sichern.

"Basta wird es nicht mehr geben, ich will eine lebendige, frische Volkspartei", verkündete er zum Amtsantritt als Parteichef und Ministerpräsident 2008. Die CSU, glaubte er damals, habe in den letzten Stoiber-Jahren vor allem daran gelitten, dass sie sich zu weit von der Bevölkerung entfernt habe. Unpopuläre Entscheidungen seines Vorvorgängers wie etwa die Einführung von Studiengebühren nahm er deswegen zurück. Er revidierte aber auch Positionen, die in der CSU lange Zeit als unverrückbar galten, wie etwa das Bekenntnis zur Wehrpflicht oder zur Atomenergie.

Bayern First

Zugleich gab er den unbeirrbaren Vertreter bayerischer Interessen beim Bund, kämpfte für Betreuungsgeld und Pkw-Maut, die Ausweitung der Mütterrente und einen gerechteren Länderfinanzausgleich. In seinen ersten Jahren als Parteichef bemühte er sich zudem um ein moderneres Image seiner Partei. Gegen große interne Widerstände setzt er beispielsweise eine Frauenquote für die CSU-Parteivorstände durch.

Dieser Kurs ging auf. Bei der Landtagswahl im September 2013 eroberte die CSU die absolute Mehrheit im Landtag zurück, wenige Wochen später bei der Bundestagswahl schaffte sie sogar knapp wieder den Sprung über die für sie so entscheidenden 50 Prozent. Bei seiner eigenen Wiederwahl als Parteivorsitzender 2013 erhielt Seehofer 95,3 Prozent. Er war jetzt ganz oben.

Vielleicht auch wegen dieser Erfolge fühlte er sich noch unabhängiger von seiner Partei als zuvor schon. "Von da an hat er nur noch Gefolgschaft verlangt", sagt einer der Altvorderen über ihn. Von der neuen Diskussionskultur, die er einst versprochen hatte, war nichts mehr zu spüren. Die Landtagsabgeordneten der eigenen Fraktion beschimpfte er als Zwerge, die keine Ahnung hätten. Auch Kabinettsmitglieder wurden öffentlich gedemütigt. "Koalition mit dem Volk" hieß der neue Regierungsstil, den Seehofer nun ausrief. Seine politischen Entscheidungen wurden zunehmend erratisch. Hatte Seehofer beispielsweise kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima noch versprochen, Bayern zu einem Vorreiter bei der Energiewende zu machen, schlug er sich jetzt auf die Seite der Windkraftgegner und blockierte den Ausbau von Stromtrassen.