Horst Seehofer hat sich in den vergangenen Monaten wie ein politischer Wiedergänger durch Berlin und Bayern geschleppt. Seinen Partnern in der Regierung ging er permanent auf den Geist, am Ende war man seiner selbst in der eigenen Partei überdrüssig. Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte ihn nicht entlassen, weil ihr Innenminister gleichzeitig CSU-Chef ist. Und Ministerpräsident Markus Söder wollte ihn nicht entlassen, weil er Seehofer die Schuld für die Wahlniederlage in Bayern anhängen wollte.

Damit ist jetzt Schluss. Die Landtagswahl ist verloren, Merkel hat ihren Rückzug angekündigt. Und Seehofer reagiert auf das veränderte Umfeld: Er will nicht mehr länger Parteichef bleiben. Das Amt gibt er Anfang des Jahres ab, wahrscheinlich an Söder. So drang es am Sonntagabend aus einer CSU-Sitzung in München – ein Schritt, der sich abgezeichnet hatte. Auch Innenminister will er demnach nicht unbedingt bis zum Ende der Legislaturperiode bleiben.

Der Schritt war überfällig: "Na endlich!", möchte man allein mit Blick auf die vielen angedrohten und angekündigten Rücktritte von Horst Seehofer ausrufen. Doch es ist mehr als das. Seehofer hat dem Land viel zugemutet, und er hat seiner Partei und ihrer Agenda geschadet. Für jede Regierungskrise der jüngeren Vergangenheit war er mindestens mitverantwortlich. Bis zuletzt hat Seehofer für ein restriktiveres Grenzregime und damit gegen die Bundeskanzlerin gekämpft. Dabei hat er nicht nur im Streit um die Zurückweisungen an der Grenze die Stimmung vergiftet. Paradoxerweise hat er sich gleichzeitig mit jedem weiteren Monat im Amt sein übergeordnetes Ziel verbaut, die Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik von 2015 zu revidieren.

Streit, wo kein Streit hätte sein müssen

Seehofer hätte in dem Moment zurücktreten müssen, als er Ende 2015 mit einer Klage gegen eine Bundesregierung drohte, an der er selbst beteiligt war – und merken musste, dass er mit all seinem Gepolter bei der Bundeskanzlerin nicht durchdrang. Ein neuer CSU-Chef mit einer weniger vorbelasteten Beziehung zu Merkel hätte konstruktiver auf das Kanzleramt einwirken können – und hätte vermutlich mehr erreicht als Seehofer, von dem man von da an wusste, dass er zwar stänkert, aber eben doch nicht zum Äußersten bereit ist.

Stattdessen quälte sich Seehofer an Merkels Seite durch den Bundestagswahlkampf. Schließlich lud er sich noch ein völlig überfrachtetes Ministerium auf. Als "Erfahrungsjurist", wie er selbst gerne kokettiert, ist er im Innenministerium eine Fehlbesetzung. Nicht, dass er per se ein unfähiger Politiker wäre. Aber in dem Amt kommt es auf Feinheiten an. Der Innenminister verwaltet die sensibelsten Geheimnisse des Staates. Das entspricht einfach nicht Seehofers Naturell. Er ist ein redseliger Kerl, der ständig verschmitzt in sich hineinkichert. Einen Ministerpräsident des Freistaates macht das volksnah. Als Bundesinnenminister kommen dagegen Sprüche raus wie zu den 69 Afghanen, die an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden.

Zeit is' zum Gehen, und zwar ganz

Ein anderer CSU-Chef und Innenminister hätte vermutlich in den großen Fragen ähnliche Überzeugungen vertreten wie Seehofer. Doch hatte der zuletzt bei Ton und strategischem Gefühl zielsicher danebengelegen und so Streitigkeiten eröffnet, wo keine hätten sein müssen: über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Über seine Nichtteilnahme am Integrationsgipfel. Sein langes Schweigen zu den rechtsextremen Ausschreitungen von Chemnitz, nur um dann zu beteuern, er hätte ebenfalls bei den Trauermärschen mitdemonstriert. Seine – zugegeben verkürzte – Äußerung über Migration als "Mutter aller Probleme". Sein Rauswurf der Chefin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Sein Gerede über "Fake-News" aus Deutschland.

Derart empört und larmoyant warf sich Seehofer in die Pose des Rechthabers, zuletzt etwa auf dem CSU-Parteitag in München, dass selbst Parteifreunde abwinkten: Lass gut sein, Horst. Dass ausgerechnet Seehofer nebenbei noch als Bauminister die größte soziale Frage der Gegenwart lösen soll, ist angesichts seiner Bilanz nicht mehr zu vermitteln. Zeit is' zum Gehen, und zwar ganz.