Am Abend, als die Julihitze im Flusstal der Ruhr erträglicher wird, kann sich die Party der AfD-Jugend auch mit Parteiprominenz schmücken: Auf dem frisch gemähten Rasen des Essener Ausflugsrestaurants Zwölf Apostel mischen sich Alexander Gauland, Frauke Petry und Beatrix von Storch unter die Jungen Alternativen, junge Männer verteilen Getränkebons und Safaristrohhüte. Mit leuchtenden Augen hängt die Jugend an den Lippen ihrer hochrangigen Unterstützer, man diskutiert am Vorabend des Parteitages, welchen Job Bernd Lucke übernehmen könnte, wenn Petry ihn morgen von der Parteispitze verdrängt: Lucke, der spröde Währungsfachmann, der spalterische Solitär. Petry, die Klartext spricht und einfach besser kann mit den Leuten. Als es dämmert, steht auch Björn Höcke da. Die Amazonasparty vor dem AfD-Schicksalsparteitag von 2015 ist die Feier aller, die Lucke loswerden wollen – und eine Sternstunde der Jungen Alternative.

An den schlechteren Tagen klingelt es im Morgengrauen an der Tür. Draußen stehen dann der Staatsanwalt und ein Haufen Polizisten. Sie durchkämmen die Wohnung, stöpseln den Computer ab und sammeln die Handys ein. Eine solche Razzia traf im Oktober sechs Beschuldigte der Jungen Alternative Bayern, darunter ein Landtagskandidat. Sie sollen auf dem Vorplatz der CSU-Zentrale in München mit Sprühkreide die Namen angeblicher Opfer von Migranten geschrieben und ihr Anliegen mit rotem Kunstblut untermalt haben. Eine martialische Anti-Merkel-Inszenierung, wie man sie von der Identitären Bewegung kennt, jener völkischen Aufmerksamkeitsguerilla, die im Kampf gegen den vermeintlichen "großen Austausch" der Bevölkerung schon die Berliner CDU-Zentrale oder das Brandenburger Tor besetzte.

Aktionen wie diese lassen die AfD-Parteiführung nun nach Wegen suchen, die Junge Alternative loszuwerden. Denn wo Vorsitzende sonst darin wetteifern, die Jugend zu loben und ihr das Gefühl der Unentbehrlichkeit zu vermitteln, setzte sich in der AfD die Erkenntnis durch: Der Plan, den Nachwuchs in einer eigenen Organisation zu fördern, ist gründlich schiefgegangen. Sie radikalisiert sich zunehmend und ist kaum noch steuerbar. Seit Jahren ignorieren Teile der AfD-Jugend die Beschlüsse, mittels derer sich AfD und Junge Alternative scharf von den Identitären abgrenzen. Dass sich die Mitglieder- und Aktivistenkreise personell überlappen, gehört mittlerweile zu den Binsenweisheiten der AfD. Man demonstriert, feiert und operiert gemeinsam – bis an die Grenze des Legalen. In Berlin fahndete die Polizei per Haftbefehl nach dem untergetauchten Jannik B., Vorstandsmitglied der Jungalternativen; er sollte bei einer missglückten Aktion der Identitären vor dem Justizministerium einen Polizisten angefahren haben. Der Niedersachse Lars Steinke nannte den Hitler-Attentäter Stauffenberg einen Verräter. In einer Chatgruppe in Baden-Württemberg zirkulierte laut FAZ der Mordaufruf, "diese ganzen Volksverräter öffentlich hinrichten" zu lassen, in Niedersachsen textete einer ins Smartphone, man könne Tierversuche stoppen und "Flüchtlinge dafür nehmen".

Jugendorganisationen polarisieren immer etwas stärker als die Parteien selbst. Die Junge Union ist etwas schwärzer als die CDU, die Linksjugend teils linksradikal, die Jusos etwas röter als die SPD. Das Eigenleben der Jungen Alternative aber ließ den Verfassungsschutz aktiv werden. Der Geheimdienst sieht bei mindestens drei Landesverbänden verfassungsfeindliche Bestrebungen: Bremen, Niedersachsen und Baden-Württemberg. In Thüringen prüft der Geheimdienst sogar, ob er auch die Partei beobachten soll. Die Berliner AfD-Zentrale lässt deshalb jetzt Handreichungen für die Parteibasis erstellen und arbeitet an juristischen Gegenmaßnahmen, etwa Klagen vor den Verwaltungsgerichten.

Der Bundeschef laviert

Doch weitere Konsequenzen scheitern wie so oft an der Partei selbst. Dem vom Bundesvorstand erörterten Plan, sich von der offiziell anerkannten Jugendorganisation zu trennen, müsste ein Parteitag zustimmen: mit Zweidrittelmehrheit, was eine hohe Hürde ist. Der vom Vorstand dazu beschlossene Prüfauftrag bleibt weit hinter dem zurück, was möglich wäre – der sofortige Entzug der Unterstützung durch die Bundesebene etwa. Spitzenkräfte erhofften sich davon eine reinigende und disziplinierende Wirkung. Auch kursierte die Idee, die Jugendorganisation aus der Partei heraus völlig neu zu gründen. Doch davon ist keine Rede mehr. Zu einflussreich sind die Interessenvertreter der Radikalen in der Parteiführung. "Wir haben eine Reihe von Landesverbänden, bei denen nach unserem Kenntnisstand kein Anlass zur Abgliederung von der AfD besteht", laviert Bundesparteichef Jörg Meuthen. Die "Abscheu" des Bundesvorstandes gilt nicht der Jungen Alternative als Organisation, sondern nur noch "menschenverachtenden Einzeläußerungen von Mitgliedern". Man baut nun auf die Selbstreinigungskräfte der Partei. Doch das hat schon bisher kaum funktioniert. Ausschlussanträge werden oft durch Schiedsgerichte kassiert. Und die Basis wehrt Eingriffe von oben stets ab: Die Mehrheit für die Auflösung von Steinkes niedersächsischem Jugendverband kam nur knapp zustande, und auch nur, weil Bundeschef Alexander Gauland dem Bundeskongress persönlich ins Gewissen redete.

Die Frage ist auch, was eine radikale Trennung bringen könnte: Viele der radikalen Jungalternativen sitzen in Landtagen und Kommunalparlamenten. Viele sind auch als Burschenschafter vernetzt, sie machen als Mitarbeiter von Fraktionen oder Abgeordnete der AfD Karriere, sie schreiben Reden und Anträge, sie entwickeln Konzepte, sie prägen die Politik der AfD bis in die Büros der Fraktionschefs im Bundestag hinein. Die Telefonliste mancher AfD-Fraktion liest sich wie das Who's who von Identitärer Bewegung und Burschenschaften. Fünf Jahre nach ihrer Gründung ist die AfD damit befallen von politischen Grenzgängern, Radikale breiten sich in der Partei aus wie Metastasen.

"Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt"

Das wundert nicht, ist doch die Identitäre Bewegung die Blaupause der Jungen Alternative. Weil die viele junge Nationalisten anzog, lag zur Gründung der AfD vor fünf Jahren nahe, auch eine eigene Jugendorganisation zu schaffen. Sie sollte auch die Anhänger der Identitären an die AfD binden. So erzählt es Stefan Räpple, einer der Gründer der Jungalternativen von 2013. Räpple, heute Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg und 37 Jahre alt, lobt die Identitären bis heute als "gewaltfrei, rechtschaffend, patriotisch, vaterlandsliebend". Gemeinsam mit seinen Landesverbandskollegen Martin Brodbeck und Reimond Hoffmann sowie den späteren Bundesvorsitzenden Sven Tritschler, Markus Frohnmaier und Damian Lohr strickte er inmitten des Bundestagswahlkampfs von 2013 an einem Netzwerk, das jungen Identitären den Weg Richtung AfD und damit in die Politik öffnete. Hier unterliefen folgenschwere Geburtsfehler: So ist die Junge Alternative rechtlich gesehen ein Verein, der jeden aufnehmen kann, ohne Anwendung der parteiüblichen Aufnahmekriterien. Das macht sie attraktiv für politische Außenseiter und verschafft der nur 1.800 Mitglieder zählenden, von der AfD offiziell anerkannten Parteijugend überproportional hohen Einfluss in der fast 20-mal größeren AfD. Sie ist über Facebook bestens vernetzt und schnell auf jeder Parteiversammlung präsent – "Lastwagendemokratie", sagt einer, der schon viele Gruppenfahrten organisiert hat, dazu. Die Arbeit kostet Nerven und Kraft. Tritschler erzählt von "Vorstandssitzungen wie Wurzelbehandlungen", die Bundeskongresse von 2018 in Büdingen und Seebach enden in Sauforgien. Frohnmaier erlitt Anfang des Jahres, 26-jährig, einen Herzinfarkt.

Schnell loten die Jungen Alternativen auch die Grenzen aus: Unterstützt von dem späteren NRW-AfD-Landeschef Marcus Pretzell lädt die Jugend im März 2015 den britischen Rechtspopulisten Nigel Farage zu einer Rede nach Köln ein, zum Ärger von Bundesparteichef Lucke. "Radikal und national" wird zum Leitmotiv der jungen Wilden, wie auch Bundeschef Frohnmaier zeigt, der im Herbst 2015 auf einer Rede in Erfurt vor den Ohren Björn Höckes der politischen Konkurrenz drohte: "Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht." Sein Verbalangriff auf demokratische Institutionen hat Frohnmaier nicht geschadet – der Böblinger arbeitete für Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel und sitzt heute selbst im Bundestag.  

Spaltpilz in der Jungen Alternative

Wer den harten Kurs scheut, wird rausgemobbt; im Frühjahr 2015 fluktuierte der Bundesvorstand so stark wie nie zuvor: Im Mai entmachtete die Junge Alternative einen damaligen Bundesvorsitzenden und weitere Spitzenfunktionäre, weil sie das Amtsenthebungsverfahren gegen Höcke guthießen und sich mit Lucke in einem ICE verabredet hatten – angeblich um an einer neuen Jugendorganisation zu arbeiten. Luckes Rückhalt in der Jungen Alternative sank in diesen Monaten drastisch. Statt sie zu loben, verhielt er sich "eher abweisend", erinnert sich Tritschler. Mit Petry verbindet die Parteijugend dagegen eine Liebesgeschichte: Als Bundeschefin hatte sie im Oktober 2015 deren Anerkennung als AfD-Jugendorganisation bewirkt, ähnliche Beschlüsse fassten auch die Landesverbände.    

So wie Lucke und später auch Petry aus der Partei gedrängt wurden, hat der Spaltpilz nun auch die Junge Alternative selbst befallen. In Baden-Württemberg unterzeichneten 50 Jungalternative "schweren Herzens" eine Austrittserklärung, geführt vom mittlerweile ausgeschiedenen Landesvorstandschef Brodbeck, mit dem Räpple und Hoffmann heute nicht mehr reden. Die Jugendorganisation sei mit ihren 50 Prozent Systemgegnern "nicht mehr auf dem richtigen Weg zu halten", heißt es darin. "Die Marke Junge Alternative ist verbrannt", sagt Frohnmaier. Und auch in der Bundespartei bezweifeln Verantwortliche, dass eine durch Verfassungsschutzbeobachtung delegitimierte Organisation für Neumitglieder noch attraktiv ist. 

Ein Pool der Radikalen

Unsinn, entgegnen Leute wie die Mitgründer der Jungen Alternative, Hoffmann und Räpple. "Angst ist kein guter Ratgeber", sagt Hoffmann. Sie sind entschlossen, die bestehende Organisation zu erhalten, und kündigen an, baldmöglichst die Landesmitgliederversammlung Baden-Württemberg einzuberufen, die den durch Austritte geschwächten Vorstand neu wählen soll. "Dort werden die Leute mit Rückgrat die Mehrheit stellen und nicht die Angsthasen, die sich vor der BRD-Stasi fürchten", sagt Räpple. "Das wird uns sehr guttun." Und auch der Bundesvorstand der Jungen Alternative verwahrt sich gegen die "systematische Diskreditierungskampagne" aus der Parteiführung, seit die diskutiert, der Jungen Alternative den Status als Jugendorganisation der AfD abzuerkennen.

Solange die Partei auf Bundes- und Landesebene nicht die notwendigen Mehrheitsbeschlüsse für eine scharfe Trennung von der Jungen Alternative zustande bringt, wird die also zu einem Pool der Radikalen: Die Anhänger der Identitären bleiben, alle anderen flüchten – so wie schon nach Luckes Abwahl auf dem Parteitag in Essen Tausende austraten. Entstehen wird ein Flickenteppich aus alten und neu gegründeten Bundes- und Landesverbänden. Die Junge Alternative bisherigen Zuschnitts ist dann Geschichte.