Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in Chemnitz den Zeitpunkt ihres Besuchs in der Stadt verteidigt. "Mein Gesicht ist polarisierend, das weiß ich. Ich wollte nicht in der aufgeheizten Stimmung kommen", sagte sie im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern, organisiert von der Freien Presse. Sie wolle sich nun einen Eindruck davon verschaffen, was man tun könne, damit Chemnitz nicht nur in einem schlechten Licht dargestellt werde.

"Was mich bedrückt, ist, dass das Gefühl von Sicherheit in der Stadt verloren gegangen ist", sagte Merkel. Das sei zwar nicht unbedingt von der Kriminalstatistik gedeckt, aber das subjektive Gefühl habe sich geändert. "Das kann uns als Vertreter des Staates nicht egal sein." Man müsse Fragen der Grenzkriminalität und des Drogenhandels behandeln. "Wir haben viele zusätzliche Polizisten eingestellt. Die Gerichte müssen schneller arbeiten."

Merkel warb dafür, dass Ostdeutsche selbstbewusster sein sollten. "Wir haben so viel geschafft, hinbekommen und aufgebaut in Deutschland", sagte sie. Die Unzufriedenheit in den ostdeutschen Bundesländern erklärte sie mit den Umbrüchen der deutschen Einheit. "Das wird nicht gewürdigt", sagte Merkel. Viele Jüngere seien in den Westen gegangen. "Ich freue mich, dass sich das jetzt wieder umkehrt, dass es hier wieder viele Arbeitsplätze gibt und immer mehr Menschen zurückkommen."

Merkel fordert Distanzierung von Rechtsextremen

Hunderte Menschen demonstrierten gleichzeitig in der Nähe der Halle, in der Merkel auftrat, gegen sie und ihre Politik. Manche riefen  "Volksverräter", "Hau ab" und "Merkel muss weg". Ein Redner der Gruppe verglich Merkels Politik mit einer Diktatur und den Methoden der Stasi in der DDR. Die Polizei teilte mit, sie habe zehn Menschen zur Feststellung ihrer Personalien vorübergehend mitgenommen. Es werde geprüft, ob ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz vorliege. Alle Menschen hätten anschließend an einer Kundgebung teilnehmen können. Danach sprach die Versammlungsbehörde von bis zu 2.500 Teilnehmern. Die Polizei registrierte insgesamt 16 Straftaten.

Mit Blick auf die Demonstration sagte Merkel, dass sie grundsätzlich immer bereit sei, mit jedem zu sprechen. Aber: "Wir haben heute Teile von Demonstrationen, da geht es nicht ums Reden. Da geht es darum, andere zum Schweigen zu bringen." Das habe sie im Bundestagswahlkampf schon erlebt.

Merkel rief die Bürger auf, sich bei Demonstrationen von Fremdenfeinden und Rechtsradikalen zu distanzieren. Sie finde es gut, dass sich viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer von den fremdenfeindlichen Ausschreitungen bei den Demonstrationen im September abgestoßen gefühlt und sich abgegrenzt hätten, sagte die Kanzlerin.

Einige Bürger, die mit Merkel diskutierten, kritisierten die Berichterstattung über Chemnitz als einseitig. Merkel wünschte sich daraufhin, dass die Medien auch mehr über Positives berichten. Sie forderte die Bürgerinnen und Bürger auf: "Stehen Sie auf und zeigen Sie Ihr Chemnitz!" Negatives sollten die Bürger nicht auf sich persönlich beziehen.

Chemnitzer Bürgermeisterin wirft Merkel Sprachlosigkeit vor

Die Kanzlerin besuchte am Nachmittag zunächst das Training von Nachwuchsbasketballern in Chemnitz.  Zuvor hatte die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) Merkel bei deren Besuch in der sächsischen Stadt eine "praktisch seit drei Jahren währende Sprachlosigkeit" vorgeworfen. Deren Folgen zeigten sich besonders beim Thema Integration. Die Debatte werde viel zu oft denen überlassen, die Ängste oder tatsächliche Probleme instrumentalisierten, sagte Ludwig. Sie wünsche sich von Merkel, dass sie mehr mit den Bürgern in den Dialog trete. "Ich bin überzeugt davon, dass wir zu den Menschen gehen und unser Handeln erklären müssen, wenn wir sie nicht – oder nicht noch mehr – verlieren wollen." Auch die Bundesregierung solle dies regelmäßig tun.

Merkel besucht die Stadt drei Monate nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Chemnitzers, auf den gewaltsame Demonstrationen gefolgt waren. Unter anderem die rechtspopulistische Gruppe Pro Chemnitz hatte zu den Kundgebungen aufgerufen. Auch am Freitagabend will die Gruppierung demonstrieren.