"Wir schaffen das moderne Deutschland." Mit diesem Slogan schob sich die SPD 1969 an die Spitze der deutschen Politik. Im Oktober wurde Willy Brandt mit hauchdünner Mehrheit zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler gewählt. Nach langen Jahren des Misserfolgs war der SPD der Durchbruch zur Volkspartei geglückt. Der Ursprung des Erfolgs lag zehn Jahre zurück, als sich die Sozialdemokraten mit dem Godesberger Programm endgültig vom Marxismus lösten. So konnte die SPD mit Wirtschaftsminister Karl Schiller und Außenminister Brandt inhaltliche Kompetenz ausstrahlen. Sie wurde außerhalb ihrer Kernmilieus breit anschlussfähig. Angestellte, Erstwähler und junge Menschen, die kurz nach den Revolten von 1968 in großer Zahl zu Jusos und Gewerkschaftsjugend strömten, wählten SPD. Günter Grass‘ sozialdemokratische Wählerinitiative mobilisierte Anhang bei Künstlern, Intellektuellen und Professoren. SPD verhieß Moderne.

Die Siebzigerjahre waren das Jahrzehnt der Volksparteien. Seither lösen sich die Parteibindungen wieder. Dass im Bundestag und den meisten Landtagen heute sechs, sieben Fraktionen sitzen, ist historisch eher die Regel. Schon in den Fünfzigern hatten es zahlreiche konservative bis rechtsnationalistische Kleinparteien in die Parlamente geschafft. Erst in den Siebzigern erreichten Union und SPD gemeinsam jeweils um die 90 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Erst da übersprang die CSU kontinuierlich die 50-Prozent-Marke in Bayern und die CDU gewann ab 1972 in Baden-Württemberg mehrfach die absolute Mehrheit. CDU und CSU sprachen erst ab dieser Zeit auch evangelische Wähler an, die im Süden, wie auch in Hessen, lange Zeit zur FDP tendiert hatten. Lange hatte der Union die Aura der katholischen Zentrumspartei angehaftet. Die SPD wiederum eroberte in Nordrhein-Westfalen erst in den Achtzigerjahren die absolute Mehrheit.

Pluralität ist der Normalfall

Das Zweieinhalb-Parteiensystem der Siebziger setzte nur für gut drei Jahrzehnte Maßstäbe, prägt aber die Wahrnehmung von Politik bis heute. Vergessen wird, dass die SPD im Bund 1969 überhaupt zum ersten Mal über 40 Prozent erreichte. Rechts der Mitte begann der Konsolidierungsprozess früher und dauerte länger an, dank Konrad Adenauers Charisma, der Furcht vor dem Kommunismus, dem Kaltem Krieg und der Delegitimierung rechtsnationalistischer Parteien. Seit der Jahrtausendwende allerdings erodiert die Integrationskraft beider Volksparteien. Mit dem Aufstieg der AfD hat sich das deutsche Parteiensystem an westliche Normalitäten angepasst.

Blickt man noch weiter zurück, zeigt sich, dass das System aus zwei großen Volksparteien die historische Ausnahme ist. Im Kaiserreich und der Weimarer Republik standen Parteien für begrenzte Milieus und hohe ideologische Konformität. Sie erreichten selten mehr als ein Drittel der Wähler. Selbst im Revolutionsjahr 1919 schaffte die SPD nur ein Höchstergebnis von 37 Prozent und holte dann noch einmal, kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1928, knapp unter 30 Prozent. Die katholische Zentrumspartei sprang niemals über die 20 Prozent, sondern lag meist nur bei knapp über zehn. Dazwischen tummelten sich mehrere liberale Parteien, Kommunisten sowie Deutschnationale und rechte Splittergruppen. Unter ihnen schälte sich dann ab 1932 die NSDAP als erste große Volkspartei heraus. Trotz erkennbarer Kernwählerschaft in kleinbürgerlichen, kleinstädtisch-ländlichen und protestantischen Kreisen sprach sie zunehmend auch Akademiker, Arbeiter und Bürgertum an.

Wie also kam es dazu, dass diese historische Vielfalt in der Bonner Republik zum parteipolitischen Duopol wurde? Die Gesellschaft der frühen BRD war viel heterogener, als sozialwissenschaftliche Analytiker heute glauben. Hoch war dagegen im Vergleich zu heute der soziale und kulturelle Konformitätsdruck, wozu die Idee der Volksparteien passte. Es ging um die Integration von Millionen Flüchtlingen, Heimatvertriebenen sowie die stillschweigende Integration ehemaliger Nationalsozialisten. Soziale, konfessionelle und politische Heterogenität galt nicht als Wert, sondern sollte eingedämmt werden. Angesichts des selbst auferlegten Zwangs zur Homogenität der Nachkriegsdeutschen organisierten Volksparteien – schon im Begriff klingen Gemeinschaftsideologien an – sozialen Zusammenhalt. Eine von Krieg und Gewalt traumatisierte Gesellschaft sehnte sich nach Sicherheit, Berechenbarkeit, Konsens: Adenauer und Brandt versprachen das.

Kompromisse werden in Koalitionen geschlossen – nicht in Parteigremien

Volksparteien lieferten in den Nachkriegsjahrzehnten gedachte soziale Homogenität. Sie appellierten an den Gemeinschaftsgeist ihrer Klientel und glichen so widerstreitende Interessen zwischen Klassen, Regionen und Konfessionen aus. Das glückte der Union vor allem im Bund sowie in Bayern und Baden-Württemberg, wo eine atemberaubende Modernisierungspolitik mit Appellen an traditionelle Werte garniert wurde. Auch die SPD schien Anfang der Siebzigerjahre auf dem Weg zur Überbrückung der Gegensätze zwischen Arbeiterschaft und bürgerlich-akademischen Kreisen, bevor ihr die wirtschaftlichen Krisen des Jahrzehnts und der viel beschworene "Wertewandel" dann dazwischenkamen. Plötzlich brachen grün-alternative Anti-AKW-Gegner, Friedensbewegte und Modernisierungsskeptiker zur ersten Parteineugründung der alten BRD auf. Vor allem zulasten der SPD. Inzwischen hat die Tendenz zur Ausdifferenzierung auch die Unionsparteien eingeholt. 

Mit dem Ende der Volksparteien wird die Aufgabe der gesellschaftlichen Integration und der Abwägung widerstreitender Interessen nicht notwendig schwieriger werden. Sie muss künftig eben verstärkt durch Verhandlungen zwischen parteiförmig organisierten Lagern erfolgen. Die kleiner gewordenen Parteien werden ihrer überschaubarer gewordenen Klientel verstärkt Kompromisse zumuten müssen, die nicht in Parteiprogrammen stehen. Genau das versucht die große Koalition in Berlin, doch sie profitierte davon weder bei der Hessen-Wahl noch zuvor in Bayern. Eine Haltung, wie die von FDP-Chef Christian Lindner – "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren" –, passt nicht in eine Welt ohne Volksparteien. Wenn die Pluralität steigt, die Wählerinnen und Wähler wählerischer werden, werden sie umgekehrt akzeptieren müssen, dass Kompromisse nicht länger in Parteigremien ausgehandelt werden, sondern in Koalitionsausschüssen.