Spätestens 2021 dürfte Angela Merkel, nach dann 16 Jahren, das Kanzleramt abgeben. Welche Rolle ihr historisch zusteht, darüber denkt schon jetzt der Mannheimer Zeithistoriker Phillipp Gassert in einem Gastbeitrag nach.

Noch ist Angela Merkel Kanzlerin. Aber ihr Abschied als CDU-Vorsitzende, ihre eigene Ankündigung und alle historische Erfahrung sprechen für ein absehbares Ende ihrer Amtszeit als Regierungschefin. Weshalb es nicht verwegen ist, schon jetzt über Merkels historischen Ort zu spekulieren, gar nach der Qualität ihrer Größe zu fragen.

Nehmen wir uns ein Vorbild an den Amerikanern. Dort sind Präsidentenrankings sehr beliebt. 1948 führte der Harvard-Gelehrte Arthur M. Schlesinger Sr. erstmals eine Umfrage unter führenden Historikern durch, die seither regelmäßig wiederholt werden. Eine Hackordnung der Größten hat sich etabliert. Stets an der Spitze: Gründervater George Washington, Bürgerkriegspräsident Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt, Präsident in den dramatischen Krisen- und Kriegszeiten 1933-1945. Unter die Top zehn schaffen es meist auch Thomas Jefferson, der Visionär der Expansion in den "Wilden Westen"; der "rough rider" Theodore Roosevelt; der Architekt des Kalten Kriegs, Harry S. Truman, sowie seine drei Nachfolger, die "imperialen Präsidenten" Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Als Verkörperung der konservativen Wende der Achtzigerjahre hat sich Ronald Reagan jüngst in die Spitzengruppe geschoben. Donald Trump wurde 2017/18 erstmals gerankt, als schlechtester Präsident aller Zeiten.

So viele Kanzler hatte Deutschland gar nicht

In Deutschland fehlt uns für einen 250-Jahre-Rundumschlag die institutionelle Kontinuität und Reife. Wir sind im Vergleich zu den USA ein junges Land. Das moderne Deutschland entstand überhaupt erst nach der Trennung von Österreich 1866/71, ging 1945 unter, wurde 1990 aus weitgehend akzeptierter Zweistaatlichkeit mit Glück wiedervereinigt. Seither sucht es nach seiner Rolle in Europa und zwischen "Ossis" und "Wessis" nach sich selbst. Angesichts der Brüche unserer politischen Geschichte sind Bismarck, Hitler, Adenauer, Honecker, Brandt, Kohl und Merkel im umgangssprachlichen Sinne "unvergleichbar". Vollständig unseriös wirkte es, nähme man Friedrich den Großen oder den Fürsten Metternich hinzu – Zeitgenossen übrigens von Washington und Jefferson.

Wir könnten uns wohl auf etwa zehn Regierungschefs einigen, die Deutschland seit 1871 nachhaltig prägten. Klar, mit von der Partie wäre der Gründungskanzler des Kaiserreichs, Otto von Bismarck. Über den späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert müssten wir diskutieren. Er war nur kurzzeitig Regierungschef, aber verkörperte den neuen Staat. Wie sehr Weimar aus der Rolle fällt, unterstreicht die Bedeutung des 100-Tage-Kanzlers Gustav Stresemann, der als langjähriger Reichsaußenminister zu den überragenden Politikern der ersten Republik gehörte. Um den großen Ruinierer, den Reichskanzler ab 1933 und "Führer" ab 1934, Adolf Hitler, kommen wir leider nicht herum. Es sei denn, wir schlössen rein negative Potenzen aus, wie es Jacob Burckhardt in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen angeraten hat. Und was ist mit den beiden DDR-Potentaten Walter Ulbricht und Erich Honecker? Auch sie haben tiefe Spuren in der deutschen Geschichte hinterlassen. Doch sie sind, wie Hitler, nach anderen Kriterien zu beurteilen als demokratisch legitimierte Politiker.

Welchen Rang hatte Helmut Schmidt?

Von den bundesdeutschen Regierungschefs schafft es allein Adenauer mühelos in den Olymp der großen Kanzler. In Geschichtsbüchern ist die Gründungsphase der Republik als "Ära Adenauer" ein fester Begriff: Westbindung und Wirtschaftswunder; VW-Käfer und Heimatfilme; deutsch-französische Aussöhnung in Reims und Boccia spielen am Sehnsuchtsort Italien. Auch Kohl machte Epoche als Kanzler der Wiedervereinigung im Weltformat, nachdem er die Affären seiner frühen Amtszeit hinter sich gelassen hatte. Doch steht die "Ära Kohl" mehr für "die Wende" als für den Mann.

Helmut Schmidt ist ein spannender Fall. In repräsentativen Umfragen, das heißt gerade nicht unter Experten, steht er kontinuierlich an der Spitze. Als Krisenmanager, Kämpfer gegen Terrorismus, schneidiger Redner und dann scheinbar zeitloses Altkanzlerorakel verkörperte er den dezisionistischen Gegenpart zu den zögerlicheren Kohl und Merkel. Seine Ära ist die der Krisen nach dem Boom, mit 1973 (Ölpreisschock) und 1977 (Stammheim) als symbolischen Markern. Willy Brandt hat für eine Ära zu kurz regiert. Der Charismatiker ist wie der nüchterne Ebert eine sozialdemokratische Jahrhundertgestalt. Trotz Ostpolitik und des memorablen "Wir müssen mehr Demokratie wagen" konnte er dem Land seinen Stempel nicht aufdrücken.

Welche historischen Maßstäbe haben wir an der Hand? Hat Merkel das Zeugs zur epochalen Namensgeberin? Ich glaube ja. Dabei ist erstens die Länge der Amtszeit ein Faktor. Das zweite, nicht quantifizierbare Kriterium für ein Kanzlerrating aber ist, ob wir im kulturellen Gedächtnis der Zukunft Platz für eine Ära Merkel schaffen. Dazu muss etwas von der Person auf ihre Epoche abfärben, sie ein Problem wirkmächtig verkörpern: Merkels Politikstil, auch ihre floskelhafte Sprache, die kaum angekündigten, dann urplötzlich durchgezogenen Wenden (Atomstrom, Wehrpflicht, Migration), ihr auf Konsens zielender Pragmatismus, der eine implizierte Modernisierung des Konservativen verlangte, ohne es klar zu sagen, ist typisch für eine saturierte Gesellschaft, die sich vor Reformen fürchtet. Dann wird auch Äußerliches wie Merkel-Raute und Blazer plötzlich Kult. Drittens muss es ein signifikantes Thema, keine Petitesse, sein, für das die fragliche Persönlichkeit künftig steht.