Nach einer guten halben Stunde ist sie vorbei, diese letzte Rede von Angela Merkel als CDU-Vorsitzende. Der Applaus ist laut und herzlich, zehn Minuten lang. "Danke Chefin", steht auf Schildern, die in die Luft gehalten werden.

Merkel tigert auf der Bühne entlang, winkt mal nach rechts, mal nach links. Sie hat feuchte Augen und schluckt. Auch viele Delegierte sind gerührt. Die scheidende CDU-Vorsitzende setzt sich, muss aber dreimal wieder aufstehen, weil der Applaus nicht aufhören will. Sie stellt sich schließlich an den Bühnenrand und ruft: "Wir haben noch viel vor." Trotzdem klatschen die Christdemokratinnen und Christdemokraten noch eine Weile weiter. 

Knapp und unprätentiös

So geht ihre Ära als Parteichefin zu Ende. "Typisch Merkel" – wie sie selbst zweimal im Laufe ihrer Rede zuvor gesagt hat. Merkel hält es knapp und gibt sich unprätentiös. Sie hinterlässt kein Vermächtnis, keine besonders denkwürdige oder pathetische Rede, aus der man noch in Jahren zitieren wird. Gerade am Anfang klingt es, wie oft bei Merkel, eher wie die Rede einer Abteilungsleiterin auf einer Weihnachtsfeier: Dank an diese, Lob an jene. Merkel war nie eine Spitzenrednerin. Oft klangen ihre Ansprachen auf den Parteitagen eine Spur zu akademisch oder zu pastoral.

Doch im Laufe ihrer Rede gibt Merkel sich nahbarer als sonst. Sie bilanziert ihre Zeit als Parteichefin, durchaus selbstironisch, durchaus selbstbewusst. "Mit Fröhlichkeit im Herzen", wie sie es nennt.

Kein Vergleich zu der Selbstgerechtigkeit und Larmoyanz, mit der sich andere langjährige Spitzenpolitiker von ihrer Partei verabschieden. Man denke an den "I did it my way"-Kanzler Schröder oder auch an den scheidenden CSU-Chef Horst Seehofer, der in seinem Abschiedsjahr allen auf die Nerven geht. All diese starken Männer hätten eine solche Situation vermutlich genutzt, um Einfluss auf die Weichenstellung für die Zukunft zu nehmen. Sie hätten einen Nachfolger designiert, einen Lieblingserben gekürt.

Angela Merkel - »Die Zukunft wird uns alles abverlangen« In ihrer Abschiedsrede als CDU-Vorsitzende hat Angela Merkel ihre Partei vor Grabenkämpfen gewarnt. Es sei nun »Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen«, sagte Merkel. © Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Werbung und Misstrauensbekundungen

Merkel widersteht all dem. Höchstens in Andeutungen verrät sie, was ohnehin jeder weiß. Dass ihre Favoritin Annegret Kramp-Karrenbauer heißt – und eben nicht Spahn oder gar Merz. Zweimal lobt Merkel explizit – "ich sage nur: Saarland" – deren Wahlerfolge als Ministerpräsidentin.

Namentlich erwähnt Merkel in ihrer Rede keinen der Anwärter. Aber einige Aussagen lassen sich kaum anders als Misstrauensbekundungen gegen Merz deuten. Die CDU sei heute eine andere "als im Jahr 2000", als sie die Partei übernommen hat, sagt Merkel. Die Partei sei "keine Konserve", dürfe nicht zu stark "in Vergangenheit" verhaftet sein, angesichts der neuen globalen Herausforderungen.

Auch als Merkel ihren eigenen Politikstil erklärt, wirkt es, als habe sie dabei Merz als negative Folie im Hinterkopf. Sie habe stets widerstanden, "schnelle und einfache Antworten zu suchen". Sie habe die Welt "nicht schwarz-weiß" gesehen, "sondern voller Schattierungen". Sie habe immer an den "Kompromiss" geglaubt. Ihre CDU grenze "niemanden" aus, ihre CDU hetze "niemals".