In Perba ist die Welt übersichtlich. Das Dorf liegt hinter vielen Hügeln in der sächsischen Provinz, 170 Menschen leben hier. Stephan Degen, 43, Arbeitsschutzinspektor im öffentlichen Dienst, ist einer von ihnen. Er mag diesen Ort, der sich auf den ersten Blick schnell zusammenfassen lässt: bescheidene Eigenheime, ein paar Straßen, auf denen man selten jemanden sieht, drumherum schönste Natur. Eine abgeschiedene, nicht besonders wohlhabende Gegend.

Das, was man einen Hinterwäldler nennt, ist Stephan Degen nicht. Er ist oft im Außendienst, fährt durch viele Bundesländer, schaut gern über seine Hügel hinaus, interessiert sich für die Zukunft, sehr sogar. Nur in diesem Moment ist ihm die Zukunft wieder einmal viel zu kompliziert.

Vorhin hat Degen Post von seiner Partei aus dem Briefkasten geholt, das Mitgliedermagazin der CDU, das er immer genau studiert. Nun starrt er auf eine große Grafik, darauf stellt die CDU die "Megatrends der Zukunft" vor. Das Problem: Stephan Degen versteht fast nichts. All diese Worte: "Gender Shift, Flexicurity, Edutainment, Corporate Health, Micro Housing, Progressive Parents". Er zuckt mit den Schultern, halb verzweifelt, halb wütend. "Ich bin doch noch gar nicht so alt, aber diese Sprache sagt mir nichts. Wenn ich das den Leuten im Dorf zeige, die fassen sich an den Kopf. Ist doch kein Wunder, wenn die sagen, lass mich in Ruhe mit der Politik."

Der Zorn über ein paar schwierige Worte in einem Parteiblatt ist nur ein Ausschnitt aus Degens Leben mit der Politik. Geschimpft hat er in den letzten Jahren häufiger über seine Partei. Schon ein paar Mal war er kurz davor, sich abzumelden. Einmal hat er sogar ein Austrittsschreiben getippt.

Stephan Degen vor seinem Eigenheim in Perba © André Wirsig für ZEIT ONLINE

Nun steht die CDU vor einer Neuausrichtung. Am Freitag entscheidet sich, welcher Bewerber oder welche Bewerberin den Parteivorsitz von Angela Merkel übernimmt, welchen Stil, welche Agenda die CDU demnächst verfolgt. Stephan Degen gehört nicht zu den Delegierten, die darüber abstimmen. Aber er ist eines von Tausenden Basismitgliedern, die diese Entscheidung aufmerksam beobachten. Gut möglich, dass jemand wie er seiner Partei wieder näherkommt – oder sich noch weiter entfernt.

Degen ist eines der derzeit 10.451 Mitglieder der sächsischen CDU, dem stärksten und konservativsten Landesverband Ostdeutschlands. 63 Prozent sind Männer, das Durchschnittsalter liegt bei 58 Jahren. Etwa 1.600 Anhängerinnen und Anhänger hat die Sachsen-CDU in den vergangenen fünf Jahren verloren. Manche fremdelten mit der Landes-CDU ("zu weit rechts"), andere mit der Bundespartei ("zu weit links").

Parteivorsitz - Die CDU vor der Wahl Nach 18 Jahren mit Angela Merkel an der Spitze bestimmt die CDU in Hamburg über ihren neuen Vorsitz. Als Favoriten gelten Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. © Foto: Federico Gambarini/dpa