Steffen Königer hat sein Bürgerbüro von allen Spuren der Partei bereinigt. Der Aufkleber am Briefkasten ist weg, auch das Werbeplakat an der Wand zeigt Königers Porträt jetzt ganz neutral: Den unteren Rand mit dem AfD-Logo hat er einfach abgeschnitten.

In seinem Büro in einem Gewerbehof in Werder bei Potsdam gibt es keine blauroten Flyer mehr, kein "Merkels muss weg", – nur den Schreibtisch, Schrankfächer, eine schwarze Couchecke. Gut möglich, dass der 46-Jährige hier bald wieder sein erst 2014 aufgegebenes Fliesenlegerunternehmen aufzieht.

Denn Königer ist aus der AfD ausgetreten – bis zuletzt saß er im Bundesvorstand, also an höchster Stelle in der Partei. Seine Position direkt neben den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland und Jörg Meuthen sowie Fraktionschefin Alice Weidel hat er getauscht gegen eine Zukunft als bedeutungsloser Einzelabgeordneter im brandenburgischen Landtag, dem künftig niemand applaudieren wird. Dass Königer es als Parteiloser bei der Landtagswahl 2019 wieder ins Parlament schafft, ist nahezu ausgeschlossen. Er muss sich überlegen, wie er künftig Geld verdient.

Sein Gewissen habe ihn aus der AfD getrieben, begründet er seinen Schritt. "Die Bürgerlichen", zu denen er sich zählte, hätten ihren Rückhalt verloren, erzählt Königer, als er zum Gespräch in sein Büro gebeten hat. Das Netzwerk um den Thüringer Nationalisten Björn Höcke dominiere mittlerweile den Bundesvorstand. Innerparteilich Gemäßigte wie er hätten in der AfD keinen Rückhalt mehr. Königer Erzählung ist ein Mix aus Bedauern und Erleichterung.  

Entfremdung nach Chemnitz

Konkret seien seine Zweifel an der AfD nach jener Rede geworden, in der Gauland die NS-Zeit als "Vogelschiss" verharmloste, hinzu kamen die Geschehnisse im Sommer in Chemnitz. Damals demonstrierten Neonazis mit der AfD Seit' an Seit', die Partei sah darin kein Problem. Das war selbst Königer zu viel. Noch im Frühjahr hatte er eine Anti-Merkel-Demonstration der AfD in Berlin mitorganisiert. "Das waren tolle Bilder und lediglich eine Hand voll Deppen", sagt Königer. "Doch nur Tage später gab es den 'Vogelschiss' und dann kam Chemnitz."

Vor Königer verließen schon viele die AfD, aus ähnlichen Gründen: In NRW, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern erodierten die Landtagsfraktionen, in Iserlohn wechselte die Stadtratsfraktion 2017 komplett zur Blauen Wende von Frauke Petry, die seit ihrem AfD-Ausstieg mit Mario Mieruch fraktionslos im Bundestag sitzt. Auch wenn der Potsdamer Königer weit weniger bekannt war, ist er der prominenteste Abgang seit der früheren Bundeschefin Petry.

Schon im Gründungsjahr 2013 kam Königer zur AfD, seit 2017 saß er im Bundesvorstand. In diesem Jahr gründete er auch die Alternative Mitte mit, eine Arbeitsgemeinschaft der innerparteilich Gemäßigten – gedacht als Gegengewicht zum Höcke-Flügel. 

Jeder dieser Rücktritte wirft Fragen auf: Wie verändert es die Partei, wenn immer mehr derer gehen, die sich als gemäßigt betrachten? Wenn die Parteiführung Radikalisierer gewähren lässt, wie etwa in der AfD-Jugend? Die AfD "entledigt sich aller, die ein positives Bild der Partei zeichnen. Das hat was zutiefst Destruktives", sagt Königer.

Sein Austritt zeigt: Die AfD-Nationalisten gewinnen weiter Boden. Im Bundesvorstand gelang es den Vertretern dieses Flügels, ein hartes Vorgehen gegen die umstrittene Jugendorganisation Junge Alternative zu verhindern. Es hatte Überlegungen gegeben, sie wegen ihrer Radikalität aufzulösen, schließlich wird die Parteijugend in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet. Statt selbst zu handeln, delegierte die AfD-Spitze die Entscheidung über die Zukunft aber an den Bundeskonvent weiter, eine Art kleinen Parteitag.  

"Als Sachpolitiker wird man nicht mehr gewählt"

Höcke ordnete jüngst Leute wie Königer in die Fraktion der "politischen Bettnässer" ein – jene, die vor den Folgen einer Beobachtung durch den Inlandsgeheimdienst warnen. Höckes Worte sollten die Aufmüpfigen in den eigenen Reihen stärken: Viele in der AfD fänden es cool, wenn der Geheimdienst sie zum Ziel erklären würde, sagt Königer. Er spricht von Zuständen wie in einer Sekte. 

Aber warum haben die Aussteiger jahrelang mitgetragen, was sie plötzlich stört? Im Gespräch rutscht Königer immer wieder das "Wir" raus, wenn er über die AfD spricht. Distanz braucht Zeit. Er erzählt vom sogenannten Brandenburger Weg – dem Plan einer friedlichen Koexistenz von innerparteilich Gemäßigten und dem Höcke-Flügel im Landesverband. Gemeinsam mit dem Höcke-Parteifreund Andreas Kalbitz diskutierte er so auf Podien die Zukunft der Partei, Dana Guth, die Chefin des nach langen Querelen befriedeten Landesverbandes Niedersachsen, moderierte. Der Brandenburger Landeschef Kalbitz ist ein Ziehsohn von Alexander Gauland. Der Landtagsabgeordnete Königer hatte keinen solchen Unterstützer.