In Parteien gelten Regeln, die man selbst als interessierter Wähler nicht immer versteht. In der Serie "Ein Anruf bei ..." versucht ZEIT ONLINE, das Innenleben auszuleuchten. Ole von Beust, 2001 bis 2010 Erster CDU-Bürgermeister von Hamburg, der heute als Politikberater arbeitet, erklärt, was die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer für die CDU bedeutet.

ZEIT ONLINE: 18 Jahre hat Angela Merkel Ihre Partei, die CDU geführt. Wie geht es Ihnen jetzt, sind Sie wehmütig?

Ole von Beust: Mir persönlich geht es gut. Ich war gerührt und berührt von der Rede von Angela Merkel. Das ist ja  auch eine Episode des eigenen Lebens, die da endet. Und dann habe ich mich zweitens gefreut, dass Annegret Kramp-Karrenbauer gewonnen hat. Ich hatte mich ja schon im Vorfeld für sie ausgesprochen.

ZEIT ONLINE: Warum?

von Beust: Man muss Inhalt und Stil trennen. Beim Inhalt ist sie in einigen Punkten wesentlich konservativer als ich es bin, etwa bei der Ehe für Alle. Aber in ihrer Rede hat sie ihren Stil auf den Punkt gebracht, als sie sinngemäß sagte, Stärke in Auseinandersetzungen komme aus der inneren Haltung und nicht aus der Lautstärke. Das schätze ich. In Zeiten, in denen wir auf der Weltbühne von Alphamännchen umgeben sind, ist das wichtig.

ZEIT ONLINE: Ist die CDU also nicht reif für einen kontroversen Kandidaten wie Friedrich Merz es gewesen wäre?

von Beust: Das glaube ich schon. Bei vielen war es letztlich eine Abwägung zwischen Emotion und Vernunft. Merz berührt die Emotion. Er ist spontan und schlagfertig. Aber die Vernunft sagt, dass er eher ein Einzelkämpfer ist. Und wir brauchen jetzt Teamplayer.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle hat dabei der Blick auf eine mögliche Kanzlerkandidatur gespielt? Kramp-Karrenbauer ist in der Bevölkerung beliebter, sie hat Wahlkampf- und Regierungserfahrung.

von Beust: Das hat eine große Rolle gespielt. Auch Delegierte lesen Umfragen, und die haben eindeutig gezeigt, dass Kramp-Karrenbauer in der Beliebtheit in der Bevölkerung vor Merz lag. Auch was das Offenhalten von Koalitionsmöglichkeiten angeht, ist die Hoffnung, dass sie ein breiteres Spektrum abdeckt.

ZEIT ONLINE: Als nächstes stehen Landtagswahlen in drei ostdeutschen Ländern an. Merz, so die Hoffnung vieler, hätte es da leichter gehabt.

von Beust: Das sehe ich anders. Merz ist zwar konservativ, aber er verkörpert eben auch die wohlhabende, westdeutsche Elite.

ZEIT ONLINE: Merz hat versprochen, die AfD zu halbieren. Warum glauben Sie ihm das nicht?

von Beust: Ich glaube ihm, dass er das will. So ein Ziel kann man schon mal als rhetorische Maßnahme formulieren. Aber deshalb kommen die Wähler noch nicht zu uns zurück. Das Problem, das wir mit der AfD haben, ist ja nicht der fehlende Konservatismus. Es ist das Elitenmisstrauen – was man übrigens bei Rechtspopulisten überall auf der Welt sieht. Und wenn die CDU dann einen Parteichef hätte, der alles verkörpert, was Elite ausmacht, wird es schwer. Auch wenn einige ostdeutsche Landesverbände ihre Hoffnung auf Merz gesetzt hatten, er hätte es wesentlich schwerer als Kramp-Karrenbauer.

ZEIT ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

von Beust: Ein Beispiel: Die Idee von Merz, Aktien für die Altersvorsorge zu nehmen, ist ja kein blöder Vorschlag, die Idee gab es schon häufiger. Dann hat er gesagt, man könnte ja mit kleinen Beiträgen anfangen, etwa fünf Euro am Tag. Aber das sind schon 150 Euro im Monat – für viele Menschen ist das kein kleiner Betrag, sondern viel Geld. Merz ist impulsiv. Er sagt, was er denkt. Das ist, was ihn sympathisch macht. Aber Kramp-Karrenbauer ist näher dran an den Sorgen der sogenannten kleinen Leute.

ZEIT ONLINE: Hat der Dreikampf um die Parteispitze die CDU gespalten?

von Beust: Der Wahlkampf hat belebend gewirkt. Aber sowas kann auch Verletzungen bei der unterlegenen Seite mitbringen. Nicht wenige haben sich ja einen komplett anderen Ausgang gewünscht. Insofern wird es jetzt darauf ankommen, auch die Verlierer klug einzubinden in die neue Führungsmannschaft. Daher auch die Bitte von Kramp-Karrenbauer an Merz, in der Spitzenpolitik zu bleiben. Und so ist auch ihre Wahl von Paul Ziemiak, dem Chef der Jungen Union, zum Generalsekretär zu verstehen. Eine kluge Wahl. Immerhin hatte sich Ziemiak öffentlich festgelegt, er werde Spahn oder Merz wählen. Auf der anderen Seite ist er total loyal und wird mit Kramp-Karrenbauer gut zusammenarbeiten.

ZEIT ONLINE: Ziemiak hat genau wie Kramp-Karrenbauer ein schlechtes Ergebnis bekommen. Was bedeutet das für die neue Führungsmannschaft?

von Beust: Das ist kein Problem, insbesondere nicht nach einer so intensiven personellen Auseinandersetzung. Die Nagelprobe kommt in zwei Jahren.

ZEIT ONLINE: Wie kann das gelingen, so unterschiedliche Positionen an der Parteispitze zusammenzuhalten?

von Beust: Ich bin groß geworden in einer Union, in der Norbert Blüm für das Soziale stand, Rita Süssmuth für das Liberale, Alfred Dregger für Law-and-Order und Franz Josef Strauß für das Nationalkonservative. Und über allem schwebte Helmut Kohl. Das war das Erfolgsmodell. Heute hat die CDU personell offene Flanken im Bereich Wirtschaft, bei der Digitalisierung und in den Großstädten. Die gilt es zu schließen.

ZEIT ONLINE: Merz hat seine Anhänger nun aufgefordert, Kramp-Karrenbauer zu unterstützen. Werden sie dem folgen?

von Beust: Die CDU ist eine führungstreue Partei. Wer einmal gewählt wird, hat auch die Chance, erst mal in Ruhe zu arbeiten.