Elmar Brok ist der dienstälteste Abgeordnete des EU-Parlaments und Brexit-Beauftragter der konservativen EVP-Fraktion. Warum er nach fast 39 Jahren trotz parteiinternen Widerstands wieder antreten will und was er über eine Verschiebung des Brexits denkt, erzählt er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Brok, seit 1980 sind Sie bei jeder Europawahl für die CDU angetreten und somit der dienstälteste Abgeordnete im Parlament. Auch 2019 wollen Sie sich zur Wahl stellen. Im ersten Anlauf ist Ihre Nominierung für die Landesliste der CDU-NRW allerdings gescheitert, Sie hatten nicht genügend Unterstützung in den eigenen Reihen. Fühlen Sie sich von den Jüngeren weggemobbt?
 
Elmar Brok:
Ich fühle mich nicht weggemobbt, und das lässt sich nicht auf jung oder alt beziehen. Ich habe eine von vier Abstimmungen auf vier Ebenen verloren.

ZEIT ONLINE: Sie sind 72 Jahre alt. Warum wollen Sie weitermachen? Sie könnten sich den Pendlerstress zwischen Ihrer Heimat Bielefeld und Brüssel sparen. 

Brok: Am 26. Januar fällt die finale Entscheidung in einem demokratischen Prozess. Dort werde ich mich möglicherweise dem Votum stellen. Die Frage, welche politischen Ideen man hat und welchen Einfluss, ist doch nicht vom Alter abhängig. Die Europäische Union liegt mir am Herzen, ich glaube, ich kann noch etwas zu ihrem Erfolg in einer schwierigen Phase beitragen. In einem europäischen Parlament sollten alle Generationen vertreten sein. 

ZEIT ONLINE: Wird dies vielleicht die wichtigste Europawahl der vergangenen 40 Jahre?

Brok:Europa hatte immer zu kämpfen. Aber ja, die Europäische Union steht vor einer wichtigen Weggabelung. Die Populisten gefährden die Idee der Schicksalsgemeinschaft. Wir müssen klarmachen, dass ein Nationalstaat beim Handel, bei der Digitalisierung, dem Klimawandel und bei der Sicherheit allein in dieser globalisierten Welt kaum mehr etwas bewegen kann. Die Nationalisten sind sich nur einig in ihrem Willen zur Zerstörung. Sie wollen den Binnenmarkt zerstören, Erasmus zerstören, zwischenstaatliche Beziehungen zerstören, Völkerverständigung zerstören. Nationalismus kann zu Krieg führen, auch daran müssen wir erinnern. 

ZEIT ONLINE: Sie sind 1946, ein Jahr nach Kriegsende, geboren. Viele junge Menschen in Europa kennen nur den Frieden. Können die mit dieser Warnung etwas anfangen? 

Brok: Die jungen Leute sind heute sehr viel mehr für Europa als noch vor zehn Jahren. Sie sehen, dass Europa ihnen Zukunftschancen bietet. Nehmen Sie Großbritannien: 75 Prozent der jungen Briten sind für den Verbleib in der Europäischen Union. Leider haben das die Alten anders gesehen. Die Jungen wissen auch um den neuen Unfrieden in Europa. 

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sich ein Europa der Zukunft backen könnten, wie würde das aussehen? 

Brok: Wir brauchen ein Europa, das Antworten auf die Herausforderung der Globalisierung und der Digitalisierung findet. Das den Bürgern soziale und wirtschaftliche Sicherheit bietet sowie ein gemeinsames Wertekorsett. Dieses Europa sollte weiterhin subsidiär funktionieren. Helmut Kohl hat immer gesagt: "Meine Heimat ist die Pfalz, mein Vaterland ist Deutschland, die Zukunft ist Europa." Man sollte Probleme dort angehen, wo man sie lösen kann, in der Region, auf nationaler oder europäischer Ebene. 

ZEIT ONLINE: Gab es 1980, als Sie erstmals ins Parlament einzogen, schon EU-Skeptiker? 

Brok: Das waren wenige, übrigens gehörten sie überwiegend zur britischen Labour-Partei. Damals waren die britischen Konservativen klar proeuropäisch und die Labour-Partei war nationaler eingestellt. Das hat sich erst unter Tony Blair geändert. Heute, unter Jeremy Corbyn, weiß man nicht mehr genau, wo Labour steht. 

ZEIT ONLINE: Und aktuell, kurz vor dem Brexit: Wie erleben Sie Ihre Kollegen von den britischen Konservativen? 

Brok: Viele britische Abgeordnete, auch bei Labour, sind verzweifelt, weil ein Lebenstraum für sie geplatzt ist. Sie haben sich viele Jahre für die Europäische Union eingesetzt und jetzt scheint alles umsonst gewesen zu sein. Die Kollegen sorgen sich außerdem darum, was der Brexit für ihr Land bedeutet. Ex-US-Außenminister John Kerry hat mal gesagt: Wenn Großbritannien aus der EU ausscheidet, ist es bloß eine einsame Insel im Atlantik. Aber die Nationalisten dort haben das noch nicht begriffen, und Jeremy Corbyn auch nicht. 

ZEIT ONLINE: Am Dienstag könnte Theresa May bei der Parlamentsabstimmung über das mit der EU verhandelte Austrittsabkommen scheitern. Haben Sie Angst, dass dann ein harter Brexit folgt? 

Brok: Ich habe weniger Angst, als die Briten sie haben sollten. Aber es könnte so weit kommen. Das EU-Austrittsabkommen kann nicht noch mal verändert werden. Es gilt der Satz: Ein Land, das die Europäische Union verlässt, kann nicht dieselben Vorteile haben wie ein Land, das in der Europäischen Union ist und dafür die Verpflichtung übernimmt. Wenn wir diese Linie überschreiten, lösen wir die Europäische Union auf. 

ZEIT ONLINE: Die britische Regierung könnte angesichts des innenpolitischen Chaos um zeitlichen Aufschub für den Brexit bitten. Eigentlich soll der ja bis zum 29. März vollzogen sein. Was sagen Sie als Brexit-Beauftragter der EVP-Fraktion dazu? 

Brok: Wir prüfen das rechtlich, aber das wäre wohl schwierig. Wir haben im Mai Europawahlen. Die Briten haben keine Listen dafür aufgestellt, weil sie dem neuen Parlament nicht mehr angehören wollen. Wenn sie aber übergangsweise noch in der EU bleiben, müssen zum 1. Juli neue britische Abgeordnete her, und sie würden dann auch den neuen Kommissionspräsidenten mitwählen. Allerdings sind die Abgeordnetenplätze schon neu verteilt worden, Frankreich hat drei Sitze mehr, den Abgeordneten kann man das demokratisch errungene Mandat nicht mehr nehmen. Im Europäischen Vertrag steht noch dazu, dass das Parlament nicht mehr als 751 Sitze haben darf.