ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass bald ein Italo-Exit oder Ähnliches folgt? 

Brok: Da bin ich entspannt. In der Haushaltsfrage hat sich die EU mit Italien halbwegs geeinigt. Die Italiener brauchen uns, auch wegen der Migrationsfrage. Ohne den Schutz der EU würden sie an den Märkten zusammenbrechen. Außerdem werden in Italien die proeuropäischen Stimmen lauter, schauen Sie nur auf den Widerstand der Bürgermeister. Oder nehmen Sie Polen, auch da haben die proeuropäischen Kräfte zuletzt Kommunalwahlen gewonnen. Es ist alles nicht immer so schwarz-weiß, wie oft behauptet wird. 

ZEIT ONLINE: Sie haben die Verträge von Amsterdam, Nizza und Lissabon mitverhandelt. Das waren immer Verträge für eine stärkere europäische Integration. Muss es bald mehr Desintegrationsverträge geben? 

Brok: Wir sollten überlegen, ob wir das Tempo der europäischen Integration nicht künftig etwas drosseln sollten. Aber europäische Kompetenzen auf die Nationalstaatsebene zurückführen? Diese Diskussion wird ja geführt von manchem Theoretiker, aber das halte ich für falsch. Sollten wir den Binnenmarkt aufkündigen? Ich war bei den Verhandlungen über den Vertrag von Lissabon auch dagegen, dass wir den Artikel 50 in die Verfassung schreiben, der den Briten den Austritt aus der EU erst ermöglicht. Wenn wir das in Zukunft noch mehr vereinfachen, dann wird ja nach jedem Regierungswechsel in EU-Staaten erst mal debattiert, ob ein Verbleib in der EU noch Sinn ergibt oder nicht. Dann können wir den Laden doch dichtmachen, dann können wir in der gemeinsamen Wirtschafts- und Verteidigungspolitik nicht mehr planen. Wir sollten nicht voreilig das Geschäft der Populisten betreiben. Der Brexit wirkt abschreckend. 

ZEIT ONLINE: Ungarns Premier Viktor Orbán will die Europawahl zu einer Abstimmung über die Migrationspolitik machen. Was halten Sie davon? 

Brok: In gewisser Weise wird sie das natürlich sein. Wir kämpfen dafür, dass Parteien gewinnen, die sich für eine Bekämpfung der Ursachen der Migration einsetzen, nicht nur für bloße Abschottung. Wir müssen mehr über unsere Erfolge reden: Heute kommen pro Monat 91 Prozent weniger Flüchtlinge an den Außengrenzen an als noch 2015. Wir haben eine bessere Afrika-Strategie, um vor Ort Wirtschaftshilfe zu leisten. Wir haben mit dem EU-Türkei-Abkommen die Migrationsströme durchbrochen. Die Hälfte der Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland steht leer.

ZEIT ONLINE: Die Menschen warten jetzt aber an den Außengrenzen, nach wie vor ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer.

Brok: Im Mittelmeer muss weiter gerettet werden. Aber wir müssen den europäischen Küstenländern dort auch Last abnehmen und endlich eine faire Verteilung der Flüchtlinge in ganz Europa erreichen. Das ist leider schwer. Auch deswegen sollten die moderaten Parteien bei der Europawahl gestärkt werden. 

ZEIT ONLINE: Als Sie 1980 zum ersten Mal ins Europaparlament kamen, wie haben Sie damals gearbeitet?

Brok: Das war Pionierarbeit. Das Europäische Parlament gab es ja schon länger, vor 1979 hatten ihm nationale Abgeordnete im Nebenjob angehört. Die Verwaltungsstruktur war also da, aber sonst nichts. Wir mussten erst mal eine Geschäftsordnung für das Parlament schreiben, für die Arbeit in den Ausschüssen und den Umgang mit Anträgen. Hinzu kamen die verschiedenen nationalen Traditionen: Großbritannien zum Beispiel kennt das System der inhaltlichen Arbeit in Ausschüssen kaum, dort lebt das Parlament vor allem von der Debatte. Diese verschiedenen Vorstellungen von parlamentarischer Arbeit mussten wir unter ein Dach bringen. Dass das Parlament bei allem nun ein gleichberechtigtes Mitentscheidungsrecht hat, dafür habe ich mich all die Jahre eingesetzt. Die EU war damals noch nicht weit entwickelt, es gab keine Währungsunion, keinen Binnenmarkt, keine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Das haben wir alles erarbeitet. 

ZEIT ONLINE: Was haben die Leute damals gesagt, als Sie erzählten, Sie sind EU-Abgeordneter? 

Brok: Das war ein Job, der nicht als wesentlich angesehen wurde. Wir hatten durchaus viel Überzeugungs- und Aufbauarbeit zu leisten, aber natürlich auch mehr Zeit. Wir hatten bei den EU-Richtlinien ja nur Beratungsrecht. Abends waren in Straßburg die Bürgersteige hochgeklappt. All das ist heute anders. 

ZEIT ONLINE: Gibt es etwas an der politischen Arbeit, was Sie damals vermissten? 

Brok: Politik hatte damals mehr Zeit zum Nachdenken. Wenn Sie sich die Memoiren von Konrad Adenauer durchlesen, der hat sich bei einer USA-Reise bewusst dafür entschieden, das Schiff zu nehmen, um sich an Bord mit seinen Beratern vorzubereiten. Die Gespräche über den Élysée-Vertrag haben tagelang gedauert, waren fast philosophisch. Heute wird alles sofort an die Medien geleakt, wir haben fast nie die Möglichkeit, mal etwas unter uns zu überlegen. 

ZEIT ONLINE: Sie haben neben Ihrem Abgeordnetenmandat jahrelang als Manager für den Bertelsmann-Konzern gearbeitet. Kaum denkbar, dass ein jüngerer Abgeordneter heute noch solch eine Tätigkeit parallel zum Mandat ausübt. Das ist verpönt.

Brok: Diese Scheinmoral verstehe ich nicht. Wir sollten Abgeordnete fördern, die auch einen Beruf ausüben. Das macht sie unabhängig. Ich habe meine Tätigkeiten immer transparent gemacht, jeder wusste davon, jeder konnte kontrollieren, ob ich mein Mandat für Bertelsmann missbrauche. Hab ich aber nicht, es gab keine Klagen.