Mit einer Feierstunde hat der Bundestag 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland gewürdigt. Der erste Redner war mit Wolfgang Schäuble (CDU) ein Mann. "Wir feiern heute etwas Selbstverständliches: dass Frauen Staatsbürgerinnen sind", sagte der Bundestagspräsident. Sie hätten sich das Wahlrecht erstritten und erkämpft, weitgehend ohne Verbündete.

Tätigkeiten wie Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege sollten gerechter zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden, forderte Schäuble. Daran müssten die Männer "gelegentlich mit Nachdruck erinnert werden." Weiter sagte er: "Erst wenn Frauen und Männer wirklich frei entscheiden können, wo sie die Prioritäten in ihrem Leben setzen wollen, ohne auf Beruf oder Familie oder gesellschaftliches Engagement zu verzichten, ist das Ziel erreicht."

Der Bundestagspräsident erinnerte in seiner Rede an die SPD-Politikerin Marie Juchacz – die erste Frau, die vor einem frei gewählten Parlament in Deutschland sprach. Die Frauen aus der heutigen SPD-Fraktion trugen zur Feierstunde alle Oberteile in Weiß, eine der Farben der Suffragettenbewegung, die sich für das Frauenwahlrecht starkmachte.

"Es war erkämpft, nichts fällt uns in den Schoß", betonte Schäubles Amtsvorgängerin und frühere Frauenministerin Rita Süssmuth (CDU) in ihrer Rede zum Frauenwahlrecht. Männlichen Zweiflern hätten die Frauen in den vergangenen 100 Jahren gezeigt: "Wir können das schon. Wenn ihr das auch wolltet, können wir auch noch mehr." 

Süssmuth schlug den Bogen von der Einführung des Frauenwahlrechts zur heutigen Situation in Europa: "Was 1919 geschehen ist, ist für mich immer noch ein kleines Wunder," sagte sie und verwies darauf, dass sich Frauen unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Gruppen zusammengetan hätten. Heute sei ein ähnlicher Zusammenhalt in Europa nötig, sagte Süssmuth "Es ist entscheidend, dass wir uns verbünden – nicht nur als Frauen und Männer, sondern über unsere lokalen Grenzen hinaus."

Die frühere Ministerin wies auch auf Probleme wie Gewalt gegen Frauen und fehlende Lohngerechtigkeit hin: "Wir sind zwar in der Gegenwart angekommen, aber noch nicht in einer zufriedenstellenden Gegenwart."

Die Sozialdemokratin Marie Juchacz sprach als erste Frau in der Weimarer Nationalversammlung. © AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung/dpa

Christine Bergmann (SPD), wie Süssmuth frühere Ministerin für Familie und Frauen, würdigte Clara Zetkin und andere Frauen, die sich für die Gleichberechtigung in Deutschland eingesetzt hatten. Bergmann erinnerte daran, dass in der Bundesrepublik bis 1977 eine Frau die Erlaubnis ihres Mannes brauchte, um berufstätig zu sein. Sie selbst habe in der DDR dazu hingegen keine Unterschrift ihres Mannes gebraucht, sagte Bergmann, die in Leipzig studierte und in Berlin promovierte. In der DDR sei es auch eher akzeptiert gewesen, dass Frauen berufstätig sind – ein Vorsprung in Sachen Gleichberechtigung, so Bergmann. Die Doppelbelastung aus Haushalt und Beruf habe aber in beiden Teilen Deutschlands zum Alltag von Frauen gehört.

Bergmann kritisierte, dass Frauen heute in Deutschland in wichtigen politischen Ämtern unterrepräsentiert sind: Der Frauenanteil im Bundestag liegt derzeit bei knapp 31 Prozent, so niedrig wie seit knapp 20 Jahren nicht mehr. Nur zwei Bundesländer haben aktuell eine Ministerpräsidentin, auch Oberbürgermeisterposten würden nur selten von Frauen besetzt. "Nur dort, wo Parteien eine verbindliche Quote festgelegt haben, finden wir Frauen angemessen in Parlament und Regierung," sagte Bergmann und forderte ein Paritätsgesetz, wie es in manchen EU-Ländern bereits besteht: "Mit der Freiwilligkeit sind wir nicht sehr weit gekommen."

Bergmann verwies außerdem auf die #MeToo-Bewegung und rief dazu auf, die Erfolge der Gleichberechtigung zu verteidigen. Heute setzten rechte Politiker auf antifeministische Parolen, nicht nur Männer sehnten sich nach der angeblichen guten alten Zeit traditioneller Geschlechterrollen.