Am Stadtrand von Erfurt, wo die Häuserzeilen in den Landschaftspark der Löbervorstadt übergehen, liegt umrahmt von großen Bäumen das "Insa-Haus". So steht es an dem großen Blechschild vor dem Tor, hinter dem der Firmensitz des Umfrageinstituts liegt. Viele Namen sind auf der Metalltafel aufgelistet, es sieht nach einem Meinungsforschungsimperium aus, das hier in Thüringen gewachsen ist: Insa Consulere, Insa Stiftung, Insa Consulere Verlag, Insa Field.

Insa ist die Abkürzung für Institut für neue soziale Antworten. Die vier Buchstaben sind in den vergangenen Jahren schnell bekannt geworden. Das Unternehmen versorgt die Bild-Zeitung nahezu im Wochentakt mit den Ergebnissen politischer Wahlumfragen und zeigt dort, welche Partei in der Gunst der Bevölkerung gerade auf- und welche absteigt. Wann immer wichtige Wahlen bevorstehen, ist Firmeninhaber Hermann Binkert ein viel gefragter Interviewpartner. In diesem Jahr gilt das besonders – schließlich geht es um die Frage, ob die AfD im Herbst bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen erstmals vor allen anderen Parteien landen und stärkste Fraktion werden könnte.

Immer wieder weist Binkert darauf hin, wie unabhängig sein Institut sei. Aber genau daran gibt es seit längerer Zeit Zweifel. ZEIT ONLINE liegen neue Informationen vor, die diese Zweifel noch verstärken.

Unter den Meinungsforschern ein Zwerg

Der Branchenverband der Markt- und Meinungsforscher in Deutschland (ADM), dem auch Insa angehört, hat sich auf einen Ethikkodex verpflichtet. Darin heißt es, dass Forscher "keine falschen oder sonstigen irreführenden Behauptungen über ihre Fähigkeiten, Erfahrungen oder Aktivitäten oder die ihrer Organisation machen" dürfen. Wenn ein Meinungsforschungsunternehmen sich als politisch unabhängig bezeichnet, sollte es das also auch sein. Und es sollte auch seine Firmenaktivitäten korrekt darstellen.

Insa-Chef Hermann Binkert © Dieter Althaus/imago

Der Insa-Chef erzählt gerne die Erfolgsgeschichte seines Unternehmens. Es ist die eines furchtlosen Newcomers aus einer ostdeutschen Landeshauptstadt, der sich gegen die großen, altgedienten Meinungsforschungsinstitute und deren Vormachtstellung in einem hart umkämpften Markt durchsetzen muss. Schaut man auf das Firmenschild am Eingang zum Insa-Haus, scheint er das geschafft zu haben. Doch offenbar gehört es zum Geschäft, sich ein wenig größer zu machen, als man selber ist. Denn bei näherem Hinsehen schrumpft das vermeintliche Umfrageimperium ein wenig zusammen.

"Niemand in der Branche hat auf Insa gewartet, aber auch in der Meinungsforschung ist Wettbewerb sehr notwendig", sagte Binkert in einem Artikel über Insa, der im Thüringer Magazin Besser Leben in Thüringen erschienen ist. Doch Binkert macht den Großen der Branche nicht wirklich Konkurrenz, dazu ist sein Unternehmen zu klein. Beim Branchenverband ADM, bei dem auch Insa Mitglied ist, lassen sich die verschiedenen Institute miteinander vergleichen; nach Mitarbeitern, nach Zahl der Interviewer oder nach der Menge an Telefon-Befragungsplätzen in ihren Studios. Insa ist demnach ein Zwerg. Forsa, Infas, Allensbach, GfK – sie alle beschäftigen viel mehr Interviewer, manche zehn oder zwanzigmal mehr, und haben viel größere Befragungsstudios.

"Mit dem Insa-Meinungstrend erheben wir wöchentlich online die politische Sonntagsfrage für die Bild-Zeitung", heißt es in einer Insa-Eigenwerbung bei YouTube. Doch dieser Meinungstrend basiert nicht allein auf Insa. Die zugrunde liegenden Daten werden von YouGov erhoben, einem international aktiven Umfrageinstitut, das sich auf Onlineumfragen spezialisiert und dabei auch schon mit der ZEIT und ZEIT ONLINE zusammengearbeitet hat. Insa kauft die Daten von YouGov, reichert sie an und veröffentlicht die verarbeiteten Ergebnisse anschließend in der Bild.

YouGov bestätigt auf Nachfrage von ZEIT ONLINE: Insa bezahle sie dafür, "das YouGov-Deutschland-Panel in eigenem Namen zur Erhebung von Rohdaten des Insa-Meinungstrends zu nutzen". Das ist ein üblicher Deal, doch damit gebührt zumindest ein Teil des Ruhmes, den Binkert für sich beansprucht, einem anderen Meinungsforschungsinstitut.