Doch, Angela Merkel war schon auch in Potsdam, auf der Klausurtagung der CDU-Führung. Und sie habe sich aktiv an den Diskussionen beteiligt, sich "mehrfach zu Wort gemeldet", wie ein Mitglied des Parteipräsidiums berichtet.

Aber die zentrale Figur in Potsdam war die Bundeskanzlerin nicht. Erstmals seit mehr als anderthalb Jahrzehnten spielte sie auf einer CDU-Klausurtagung nur eine Nebenrolle. Stattdessen dominierte Annegret Kramp-Karrenbauer das Treffen, seit gut einem Monat die neue Chefin der CDU.

Der Stil von Kramp-Karrenbauer kommt offenbar gut an. Sie habe "eine sehr angenehme Art", Diskussionen zu leiten, sagt ein Präsidiumsmitglied. Sie nehme sich "Zeit und Raum für eine Aussprache", berichtet ein anderer. Kaum jemand, der sich nicht aktiv an den Diskussionen beteiligt habe. Man habe sich "ehrlich und ohne Scheu ausgetauscht", sagt ein Landeschef der CDU. Und ergänzt: Er sei seit mehr als zehn Jahren im Parteivorstand; so eine Sitzung habe er noch nie erlebt.

Welch atmosphärischer Unterschied zu Angela Merkel: Das ist die Botschaft, die mitschwingen soll. Typisch Merkel war, dass sie in solchen Runden die Diskussionen nicht ausufern lassen wollte, schließlich musste auch nebenbei regiert werden. Häufig las und tippte die Kanzlerin auf dem Handy, während die zweite Reihe der CDU-Führung höflich ihre Sorgen kundtat.

Manfred Weber von der CSU beobachtet eine neue Führungskultur bei der CDU. "Annegret Kramp-Karrenbauer öffnet die Leute", sagt der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Inhaltlich stünden Merkel und Kramp-Karrenbauer nicht weit auseinander, sagt Weber, dafür aber "eher stilistisch".

Erleichterung über den Führungswechsel

Mag sein, dass da auch ein bisschen Legendenbildung mitschwingt. Die führenden Christdemokraten möchten ihr Streitjahr 2018 am liebsten vergessen machen. Sie sind froh über den geglückten Führungswechsel und wollen sich geschlossen auf die zahlreichen Wahlen in diesem Jahr vorbereiten. Das ist die offizielle Botschaft von Potsdam.

Völlig unglaubwürdig ist das nicht. Schließlich hat Merkel die Partei 18 Jahre lang auf ihre Art dominiert. Jetzt ist die Unionsführung froh, dass die neue Chefin ihnen Raum gibt, die Prioritäten neu zu verhandeln. Kramp-Karrenbauer sei alles andere als eine autoritäre Sitzungsleiterin, heißt es. Ohne vorherige Festlegungen, ohne vorab formuliertes Papier habe sie die Sitzungen betreten.

Dennoch versteht die neue Parteichefin es, die Schlagzeilen in Potsdam zu dominieren. Etwa durch ihre Ankündigung, die deutsche Flüchtlingspolitik noch einmal kritisch während eines Werkstattgespräches im Februar in der CDU diskutieren lassen zu wollen. "AKK geht auf Distanz zu Merkel", titelten bereits am Sonntag die ersten Zeitungen – was die neue Parteichefin abtut. Viel mehr gehe es ihr darum, "sehr konkret" mit vielen "Praktikern" die bisherige Flüchtlingspolitik zu durchleuchten – um zu schauen, welche Verfahren sich verbessern lassen.

Die Kanzlerin hatte eine allzu intensive Rückschau auf bisherige Fehler der Politik als "verplemperte Zeit" bezeichnet. Kramp-Karrenbauer widerspricht ihr, es klingt aber alles andere als konfrontativ. Man werde die Ereignisse von 2015 "nicht in den Mittelpunkt" der Debatte stellen, sie aber auch "nicht künstlich" ausklammern. Kramp-Karrenbauer hält die Aufarbeitung für wichtiger als einen Scheinfrieden in der CDU, das wird klar.