Als vorletzte Woche der Exekutivdirektor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Berlin vor die Presse trat und den World Report 2019 vorstellte, glaubte ich, mich verhört zu haben. Er habe eine positive Botschaft, sagte Kenneth Roth, die Menschenrechtslage habe sich im vergangenen Jahr mancherorts leicht verbessert, es gebe Anlass zu vorsichtiger Hoffnung.

Verbessert? Für einen Moment dachte ich, in einer anderen Welt als Roth zu leben. Denn beim Rückblick auf das vergangene Jahr fielen mir auf Anhieb nur schlechte Nachrichten ein: Autokraten, Diktatoren, illiberale Demokratien werden mächtiger. In Brasilien wurde der Rechtspopulist Jair Bolsonaro von der Mehrheit des Volkes zum Präsidenten gewählt – in einem Land, wo es täglich zu Polizeiwillkür und Gewalt kommt und wo im vergangenen Jahr mehr als 60.000 Menschen ermordet wurden.

Venezuelas selbstherrlicher Präsident Nicolás Maduro, der sich Sozialist nennt, spaltet sein Land immer weiter. Venezuela könnte bald in einem Bürgerkrieg versinken. Die autoritären Staatschefs der Türkei und Russlands, der Philippinen, Ägyptens und Syriens, um nur einige zu nennen, haben ihre Macht gefestigt, stecken ihre Widersacher ins Gefängnis oder lassen sie gleich umbringen. In vielen Staaten Afrikas sind ruchlose, korrupte Despoten an der Macht, die ihre Völker ausbeuten.

Und das soll Hoffnung machen?

Auch die Menschenrechtslage in Europa bleibt in manchen Ländern prekär. Die Regierungen in Polen und Ungarn höhlen den Rechtsstaat aus, in Italien betreibt ein rechtspopulistischer Innenminister eine menschenverachtende Flüchtlingspolitik. In den vergangenen Tagen ertranken vor der libyschen Küste mindestens 120 Flüchtlinge und Migranten, weil Italien Rettungsaktionen brachial behindert.

Die Regierung in Rom, aber auch andere EU-Staaten setzen die privaten Hilfsorganisationen unter enormen Druck: Ihren Schiffen werden die Flaggen entzogen und ihnen wird immer wieder das Anlaufen europäischer Häfen verweigert. Auch Militärschiffe der EU-Operation Sophia, die im Mittelmeer ja nicht nur kriminelle Schleuser bekämpfen, sondern ebenso Flüchtlinge und Migranten vorm Ertrinken bewahren sollen, können ihren Auftrag kaum noch erfüllen. Soeben hat Deutschland sein Schiff nach Hause beordert.

Es lassen sich in den vergangenen Wochen und Monaten viele weitere Beispiele schwerer Menschenrechtsverletzungen finden. Und das soll Hoffnung machen?