In nur 17 Tagen ist Azra Omerovic Krankenpflegerin geworden. Die junge Frau sitzt in einer Hotellobby in Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, und übergibt einem Mann einen dicken Umschlag. Er überreicht ihr ein Diplom in Klarsichtfolie. Azra Omerovic hat gerade ihren Abschluss als Krankenpflegerin erhalten – ohne jemals eine Ausbildung oder auch nur einen Fortbildungskurs dafür besucht zu haben.

Eigentlich ist Azra Omerovic eine bekannte bosnische Investigativreporterin. Ihre Karriere als Krankenpflegerin beginnt im September 2018. Ein Informant spielt dem Polit-Magazin Zurnal, bei dem Omerovic arbeitet, Ministeriumsdokumente zu. In einem Vermerk wird dort gewarnt, dass es ein Problem mit gefälschten Abschlüssen im bosnischen Gesundheitswesen gebe. Private Medizinschulen verkauften Abschlüsse für Krankenschwestern, Krankenpfleger und Physiotherapeuten. Auch eine Kontaktliste überlässt der Informant dem Team. Wie leicht ist es, an solch einen Abschluss zu kommen? Omerovic beginnt zu recherchieren. Sie macht einen Kontaktmann ausfindig, der für ihre Region zuständig ist. Bei ihm soll sie sich einen Abschluss kaufen können.

In Sarajevo verdient eine Krankenpflegerin nach drei Jahren Ausbildung im Durchschnitt 500 Euro brutto monatlich. In Deutschland könnte sie laut der Dienstleistungsgesellschaft ver.di als Berufseinsteigerin 2.635 Euro brutto im Monat bekommen. Dafür muss sie jedoch zunächst eine zweijährige Umschulung absolviert haben – Dutzende private Medizinschulen in Bosnien haben sich auf solche Kurse spezialisiert.

In beiden Ländern herrscht Pflegekräftemangel. Mehr als 35.000 Menschen haben 2017 Bosnien verlassen. Oft sind es junge Menschen, die sich um ihre Zukunft sorgen. Die Abwanderung hat sich durch den Pflegenotstand in Deutschland noch verstärkt. Und inzwischen haben auch kriminelle Geschäftemacher den Markt der Pflegeabschlüsse für sich entdeckt.

"Jeder weiß, dass man hier gefälschte Abschlüsse kaufen kann, aber keiner spricht öffentlich darüber", sagt Omerovic, als sie ZEIT ONLINE von ihren Erlebnissen berichtet. Auch das Diplom zeigt sie uns. Ihr Abschluss kommt von einer privaten Medizinschule in Sanski Most, einer Kleinstadt, 250 Kilometer von Sarajevo entfernt. Auf der Internetseite wirbt die Schule mit einer Ausbildung nach deutschem Vorbild und einem Abschluss, der auch in Deutschland anerkannt wird.

Das erste Treffen

Am 19. Dezember 2018 trifft sich Azra Omerovic zum ersten Mal mit ihrem Kontaktmann in einem Hotel in Sarajevo. Er erklärt der Journalistin, die sich als potenzielle Kundin ausgibt, wie die Prozedur abläuft: Ein Abschluss koste 2.500 bosnische Mark, umgerechnet etwa 1.250 Euro. Den Abschluss verspricht er ihr bis zum 15. Januar. Mehr müsse sie nicht tun. Bereits am 3. Januar erhält sie eine SMS. "Alles erledigt", schreibt ihr der Kontaktmann.

Zwei Tage später treffen sie sich im selben Hotel noch einmal, diesmal zur Zeugnisübergabe. Nach einem kurzen Gespräch bekommt Omerovic ihren Abschluss überreicht: mit offiziellem Schulstempel, vom Notar beglaubigt. Das Zeugnis ist auf den 28. September 2017 zurückdatiert. Omerovic hat demnach unter anderem die Fächer Anatomie, Physiologie, Hygiene, Pflege und Biologie mit guten bis sehr guten Noten abgeschlossen. Auch einen Praxiskurs hat sie laut Zeugnis besucht.

"Die Pflegeversorgung ist am Limit"

In Deutschland fehlen 30.000 Pflegefachkräfte in Krankenhäusern und Altenheimen. Laut einer Studie der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist die Pflegeversorgung "am Limit". Um den Pflegenotstand in Deutschland zu lindern, gibt es eine Vermittlungsabsprache zwischen der Bundesagentur für Arbeit und der bosnischen Arbeitsverwaltung – ein Projekt namens Triple Win. Auch Pflegefachkräfte aus Serbien, den Philippinen und Tunesien werden dadurch rekrutiert. 5.500 Euro kostet die Teilnahmegebühr den Arbeitgeber. Die Pflegefachkraft wird von Triple Win und dem deutschen Arbeitgeber im Ausland ausgesucht, für sie wird ein Sprach- und Orientierungskurs organisiert. Auch das Flugticket oder eine Busfahrkarte nach Deutschland zahlt der künftige Arbeitgeber.