DIE ZEIT und ZEIT ONLINE berichteten 2015 in mehreren Artikeln über bedrohte Politikerinnen und Politiker. Angesichts neuer Angriffe in Danzig, Bremen und andernorts wollen wir uns dem Thema noch einmal widmen. Sollten auch Sie betroffen sein, melden Sie sich! Am Ende des Artikels finden Sie unser Kontaktformular.

Es hört nicht auf. Fast vier Jahre ist es her, dass Markus Nierth als Bürgermeister von Tröglitz, einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt, zurückgetreten ist. Nazis bedrohten damals seine Familie, die Polizei musste sie beschützen. Das war im Frühjahr 2015. Noch heute spüren die Nierths die Folgen – jeden Tag. Mal werden sie auf der Straße angepöbelt, mal strecken ihnen Leute im vorbeifahrenden Auto den Mittelfinger entgegen. Mal stöhnt jemand im Supermarkt demonstrativ auf, wenn einer aus der Familie den Laden betritt. 

Susanna Nierth, Markus' Frau, verlässt das eigene Haus kaum noch allein. Die älteren Töchter wohnen inzwischen in Großstädten, in Tröglitz wollen sie nicht mehr leben.

Schade ist das schon, denn das Anwesen, das sich die Familie hier ausgebaut hat, ist traumhaft. Vorn ein liebevoll gepflegter Garten, hinten ein Fachwerkhof. Es ist der ehemalige Gasthof des Ortes, den Nierth mit viel Aufwand jahrelang restauriert hat. Nicht lange her, da war der Nierth-Hof ein Treffpunkt für Nachbarn und Bekannte. Das große Tor stand immer offen. Seit 2015 ist es verriegelt, der Hof meist verwaist. Ein großer Hund bewacht seither das Grundstück. "Kuddel ist ein guter, lauter Aufpasser", sagt Susanna Nierth und lacht.

Kot-Briefe

Beide lachen viel, die Nierths sind ein offenes, freundliches Ehepaar. Aber sie sind auch zermürbt und haben ihren Glauben verloren. Den Glauben an ihre Heimat, an ihre früheren Freunde, auch an sich selbst. Beide arbeiten als Selbstständige, sie als Tanzlehrerin, er als Trauerredner. Seit seinem Rücktritt als Bürgermeister 2015 haben beide etwa ein Drittel ihres Umsatzes verloren. Eine Kundin habe ihnen erzählt, dass man sie aufforderte, ihre Tochter nicht mehr zu den Nierths zum Tanzunterricht zu bringen. Die meisten aber schweigen und meiden sie seither. 

Zu dem Verlust von Einkommen und Freiheit kommen noch die gruseligen inneren Kämpfe, wie Susanna Nierth es nennt. Sie erhielt damals eklige Briefe, nicht nur voller Beleidigungen und Drohungen, sondern auch welche, die mit Kot gefüllt waren. Einmal öffnete sie einen und griff unbedacht hinein. "Das hat mich krank gemacht", sagt sie. Lange litt sie unter einem Waschzwang, sie wird psychologisch betreut.   

Die AfD kommt auf 32 Prozent

Tröglitz ist ein kleiner Ort, 2.800 Einwohner, im südöstlichen Zipfel Sachsen-Anhalts. Eine strukturschwache Region, in der Tausende Arbeitsplätze nach der Wende weggefallen sind. Nazis und Identitäre sind im Burgenlandkreis schon lange aktiv. Bei der Landtagswahl 2016 kam die AfD in Tröglitz auf gut 32 Prozent, weit mehr als im Landesschnitt, und die NPD auch noch mal auf gut fünf. Dennoch haben die Nierths hier lange gern gelebt. Er kümmerte sich als parteiloser Bürgermeister um neue Spielplätze, die beiden verstanden sich als eine Art kulturelle Elite, die sich einbringt und dafür gemocht wird.

Der Streit begann 2015, als es um die Verteilung von Flüchtlingen ging. Pro Jahr musste Sachsen-Anhalt damals etwa 7.000 Menschen unterbringen, 40 sollten nach Tröglitz, denn dort standen mehrere Häuser leer. Das war zwar nicht Nierths Entscheidung, aber der Bürgermeister versuchte, die Sorgen der Tröglitzer anzusprechen und zu vermitteln. Er baute Infostände auf, schrieb Rundbriefe, beantwortete Fragen.

Aber es half nichts. Ein lokaler NPD-Politiker organisierte sogenannte Sonntagsspaziergänge, Protestmärsche gegen Flüchtlinge, durchs ganze Dorf. Bald beteiligten sich mehr als 150 Leute daran. "Es wurde immer rassistischer", sagt Nierth. Andersdenkende hingegen kamen nicht an oder wurden angefeindet. Als einer dieser Spaziergänge vor seinem Hof enden sollte, trat Nierth im März 2015 zurück, um seine Familie zu schützen.

Tröglitz von oben © Christian Hueller für ZEIT Online