Am Tag nach seinem Auftritt sagt Urban: "Beim Parteitag muss man auch ein paar Punkte herausstellen, vielleicht auch mal ein bisschen zuspitzen. Ich glaube nicht, dass ich in meiner Rede etwas Böses gesagt habe." Er hält seinen Landesverband für "gemäßigter" als noch vor ein paar Jahren. "Wir sind umgänglicher geworden, professioneller. Es haben sich ja auch Leute aus der Partei zurückgezogen, denen wir nicht radikal genug waren, und das ist auch gut so." Auch den Einfluss des "Flügels", der rechtsnationalen Gruppierung innerhalb der AfD, will Urban nicht zu hoch ansetzen. Er selbst fährt gelegentlich zu Treffen. "Der Flügel ist eine kleine Gruppe innerhalb der Partei. Unsere Mitglieder sind alle Patrioten. Es muss sich ja eigentlich niemand am Flügel festhalten, um Patriot zu sein."

Dazu gibt es unterschiedliche Deutungen. Kürzlich wurde der Dresdner Bundestagsabgeordnete Jens Maier vom Thüringer Björn Höcke zum Obmann des sächsischen Flügels ernannt. Maier sagt, zwar könne man die Zahl der Flügel-Anhänger nicht genau benennen, weil es sich nicht um eine formale Vereinigung handelt, dennoch hält er sie für einflussreich. "Gefühlt würde ich sagen, wir in Sachsen sind, was den Flügel anbelangt, am stärksten. Ich schätze, vielleicht 70 Prozent in der sächsischen AfD bekennen sich dazu."

Beobachtung durch Verfassungsschutz spiele im Osten keine Rolle

Der Verfassungsschutz hat den "Flügel" inzwischen als Verdachtsfall eingestuft. Maier glaubt nicht, dass dieser "Makel" viele AfD-Sympathisanten von der Wahl abhalten wird. "Im Westen sehen das einige Kollegen ein bisschen anderes, die fühlen sich dadurch durchaus etwas bedroht. Hier im Osten spielt eine Beobachtung gar nicht so eine große Rolle. Hier hatte man ja früher die Stasi, man ist so etwas also gewohnt."

Zum parteiinternen Ringen gehört nach wie vor der lautstarke Auftritt. Als Einheizer des Parteitags war am Freitagabend der brandenburgische Landeschef Andreas Kalbitz geladen. Heimat sei "nicht verhandelbar", sagte er unter anderem. "Wir haben die Türken nicht vor Wien geschlagen, um ihnen jetzt Berlin zu überlassen."

Grenzüberschreitungen, verbale Ausfälle – auch beim Wettkampf um die Listenplätze hilft das. Aber selbst bei der AfD ist das keine eherne Regel. Der ebenfalls nicht zimperliche sächsische AfD-Fraktionsvize Carsten Hütter erlebt am Sonnabend eine überraschende Niederlage. Selbst nach mehreren Wahlgängen kann er sich nicht durchsetzen und gibt vorerst auf. Fassungslos wandert er durch die Halle: "So etwas habe ich auch noch nicht erlebt."

Schleppend zieht sich die Wahl der Listenplätze über das Wochenende. Über jeden Kandidaten wird einzeln abgestimmt, als basisdemokratisches Vorgehen, verbunden ist das mit langen Protokollen. Am Samstagabend hatte man erst zehn von 61 Plätzen vergeben. Es wird mindestens einen weiteren Parteitag im März geben, um das Prozedere zu beenden. Von den 88 angetretenen Kandidaten sind nur 16 Frauen, doch sie haben es schwer, sich durchzusetzen. Macht wird in der sächsischen AfD vor allem von Männern geregelt.