Cantoni: Ja. Wo die NSDAP erfolgreich war, ist es heute die AfD. Das erklärt natürlich nicht den ganzen Wahlerfolg der AfD. Aber es ist ein wichtiger Faktor, ähnlich wichtig wie andere Erklärungen, die man bislang oft hören konnte:  Arbeitslosigkeit, Verlust von gut bezahlten Jobs im Industriesektor, Unsicherheit wegen der Zuwanderung.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die historische Kontinuität im politischen Denken ihrer Wählerinnen und Wähler ist für den Erfolg der AfD genauso wichtig wie die Wirtschaftslage in vielen ostdeutschen Regionen oder die Angst vor Fremden?

Cantoni: Genau. Sozialwissenschaftler fragen sich schon länger, wie es zu den guten Wahlergebnissen der AfD kommt. Warum haben rechtspopulistische Parteien in anderen europäischen Ländern Erfolg, die Schwedendemokraten, Le Pen in Frankreich oder Geert Wilders in den Niederlanden? Oft wird das mit Arbeitslosigkeit, dem Verlust von gut bezahlten Jobs im Industriesektor oder dem Gefühl begründet, es seien muslimische Parallelgesellschaften in Großstädten entstanden.

Diese Faktoren passen aber auf Deutschland nicht so gut. Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren das Land in Europa gewesen, in dem die Arbeitslosigkeit gesunken ist, in dem es immer noch eine starke Industrie gibt. Die AfD ist dennoch immer stärker geworden. Es gibt also nicht den einen Grund, sondern eher eine Vielzahl an Erklärungsfaktoren, die da zusammenspielen. Unsere Hypothese, dass da eine kulturelle Tradition von rechtsgerichtetem, rechtspopulistischem Denken eine Rolle spielt, ist ein Teil zur Lösung dieses Puzzles. Nicht das größte Teil, aber ähnlich wichtig wie die anderen genannten Faktoren.

ZEIT ONLINE: Die wichtigste Datengrundlage bei Ihrem Vergleich zwischen NSDAP- und AfD-Ergebnissen ist die Reichstagswahl vom März 1933. Das war eine besondere Wahl: Zwei Monate zuvor war Adolf Hitler Reichskanzler geworden, der Reichstag hatte gebrannt, es gab Repressionen gegen Abgeordnete und Funktionäre anderer Parteien, vor allen Dingen der SPD und der KPD. Das politische Klima war wesentlich aggressiver und bedrohlicher als heute. Kann man unter solchen Umständen an einem Wahlergebnis die Einstellungen der Bürger ablesen?

Cantoni: Es stimmt, die Wahl 1933 war keine freie Wahl, sondern fand unter ziemlich starker Einschüchterung der anderen Parteien statt. Dennoch ist das Wahlergebnis ein guter Indikator. Es ist das letzte Mal, dass die deutsche Bevölkerung sich halbwegs frei äußern konnte, bevor das Naziregime die Macht gänzlich übernahm. Nach dem März 1933 haben wir gar kein Maß mehr dafür, wie die Leute über die neuen Machthaber dachten. Trotz der politischen Gewalt hat die NSDAP bei dieser Wahl nur 43 Prozent der Stimmen bekommen. Man kann also schon ablesen, welche Teile Deutschlands mehr oder weniger stark mit der neuen Führung sympathisierten.

Aber natürlich war es keine vollkommen freie Willensbildung. Deshalb haben wir uns auch die Ergebnisse der Wahlen von 1928 und 1930 angesehen. Auch hier finden wir eine deutliche Korrelation mit den heutigen AfD-Ergebnissen. Der Unterschied ist: 1928 war die NSDAP eine kleinere, viel extremere Partei, fokussiert auf ihren Antisemitismus. 1933 versuchte sie, als Massenbewegung aufzutreten und mehr Themen anzubieten, mit denen sich die Wähler identifizieren sollten.

ZEIT ONLINE: Kann man das wirklich trennen, die Gewalt, der Antisemitismus, die Einschüchterungen, die von der NSDAP ausgingen, und rechtspopulistische Erzählungen, die ebenfalls von der Partei verbreitet wurden? Und kann man das dann mit der AfD von heute vergleichen?

Cantoni: Ein direkter inhaltlicher Vergleich der AfD mit der NSDAP ist extrem problematisch, sogar falsch. Die Frage ist eher: Wenn wir eine Korrelation sehen, woran kann das liegen? Was die beiden Parteien gemeinsam haben, ist, dass sie offensichtlich Menschen mit ihren rechtspopulistischen Denkweisen ansprechen, mit relativ schnellen und national gefärbten Lösungen für Probleme und Krisen der Zeit, mit ihrem Insider-Outsider-Denken.

ZEIT ONLINE: Zwischen den Dreißigerjahren und 2017 sind mehr als 80 Jahre vergangen, es ist viel passiert. Haben wir in dieser lange Zeit die von Ihnen beschriebene Korrelation nur nicht gesehen oder ist es eben doch Zufall, der da mitspielt?

Cantoni: Immer, wenn man Korrelationen findet, die über 70, 100, 200 Jahre hinweg reichen, muss man sich fragen: Ist das doch nur ein Zufall? Es gibt jedoch gute Gründe anzunehmen, dass es eine Kontinuität in der Denkweise gab, die wir aber bisher nicht gesehen haben. Sozialwissenschaftliche Umfragen belegen, dass sich die Gemeinden, in denen in den Dreißigerjahren stärker NSDAP gewählt wurde, über die vergangenen 20 Jahre selbst eher rechts bis rechtsradikal  einschätzten oder auf Fragen zur Einwanderung, zu Muslimen, zu Juden, zu Gastarbeitern eher solche Antworten gaben. Diese Orte sind also eher ausländerfeindlich, eher fremdenfeindlich als Gemeinden, in denen die NSDAP nicht so stark gewählt wurde. Das hat sich nur lange nicht in den Wahlergebnissen widergespiegelt. Es gab einfach keine Partei, die Menschen mit solchen Einstellungen stark genug angesprochen hätte.

ZEIT ONLINE: Aber es gab doch die Republikaner oder die NPD.