Cantoni: Das stimmt. Aber beide Parteien waren immer extremer ausgerichtet. Die sozialen Kosten, sie zu unterstützen, waren viel höher als bei der AfD. Es ist weniger stigmatisiert, sich für die AfD zu engagieren, sogar Wahlwerbung für sie zu machen als etwa für die NPD. Und die AfD hatte eine realistische Chance, in den Bundestag zu kommen.

ZEIT ONLINE: Was haben diese Leute dann gewählt, bevor es die AfD gab?

Cantoni: Gar nicht. Ein großer Teil der AfD-Stimmen kommt von Nichtwählern. Auch da sehen wir eine Korrelation. Orte, die in den Dreißigerjahren Nazihochburgen waren, hatten lange Zeit eine eher niedrige Wahlbeteiligung. In diesen Orten ging die Wahlbeteiligung  dann zwischen 2013 und 2017 hoch, zugunsten der AfD, während in Deutschland als Ganzes die Wahlbeteiligung eher abnahm.

ZEIT ONLINE: Wenn man sich Ihre Ergebnisse ansieht, fällt auf, dass in Nordhessen flächendeckend stark NSDAP gewählt wurde, dort finden sich jedoch nur punktuelle Überschneidungen mit dem AfD-Ergebnis. So ähnlich ist es auch in Franken. In Rheinland-Pfalz, vor allen Dingen in der Pfalz, ist es ganz anders, da gibt es sehr viele Überschneidungen. Wie erklären Sie sich solche Unterschiede?

Cantoni: In Rheinland-Pfalz sind die meisten Gemeinden sehr klein. In kleinen Orten wechselt die Bevölkerung nicht so stark wie in großen, weniger Menschen kommen neu hinzu. Außerdem hat sich dort in der Nachkriegszeit die Bevölkerung weniger stark durchmischt als in Gegenden, wo viele Heimatvertriebene angesiedelt wurden, die andere Ansichten mitbrachten, die selbst das ganze Drama des Krieges erlebt hatten, die wussten, wie es Flüchtlingen gehen kann, die dann irgendwann in die Familien am Ort eingeheiratet und so das politische Denkens der eingesessenen Familien durchbrochen haben.

ZEIT ONLINE: In Ostdeutschland war das AfD-Wahlergebnis 2017 überall sehr hoch. Doch es gibt große Unterschiede, wie stark die NSDAP in den verschiedenen ostdeutschen Landschaften gewählt wurde. Wie passt das zu Ihrer These der Kontinuität?

Cantoni: In Ostdeutschland ist das Niveau des AfD-Ergebnisses überall mindestens zehn Prozentpunkte höher als in Westdeutschland. Aber auch innerhalb von Ostdeutschland gibt es schon Unterschiede, je nach dem, wie dort in den Dreißigerjahren gewählt wurde. Wenn man dann wieder auf die Ebene der einzelnen Gemeinden zoomt, zeigt sich, dass die Korrelation meistens sehr hoch ist. Die ostdeutschen Bundesländer passen noch sehr viel besser zu unserer Hypothese als zum Beispiel Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Das liegt vermutlich auch daran, dass die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit im Osten ein anderer war als in Westdeutschland.

ZEIT ONLINE: Nach den Heimatvertriebenen kamen im Westen Millionen an Aussiedlern, Gastarbeitern, Flüchtlingen. Die Bevölkerungsstruktur hat sich seit 1945 gewaltig verändert. Wieso finden Sie dennoch immer noch so viele Orte, in denen das Denken gleich geblieben ist?

Cantoni: In Westdeutschland hat tatsächlich eine große strukturelle und gesellschaftliche Umwandlung stattgefunden. Das gilt aber vor allem für die vielen mittelgroße Städte und natürlich für Großstädte wie Frankfurt, Hamburg oder Köln. In diesen Orten ist in der Tat die Kontinuität der Wahlergebnisse sehr gering. Ganz Deutschland besteht aber aus knapp 11.000 Gemeinden. Die überwiegende Mehrzahl dieser Gemeinden ist heutzutage fast genauso groß wie in den Dreißigerjahren, die durchschnittliche Gemeinde hat 6.800 Einwohner, die Hälfte der Gemeinden 1.700 oder weniger. Dort hat sich die Gesellschaft strukturell relativ wenig geändert.

ZEIT ONLINE: Sie haben das AfD-Wahlergebnis der einzelnen Gemeinden auch mit der Zahl an Flüchtlingen verglichen, die dort jeweils angekommen ist.

Cantoni: Ja, wir wollten unsere Hypothese überprüfen, ob der Kontakt zu Fremden Einfluss hat auf die politische Einstellung. Viele Menschen hat die Frage der Flüchtlinge seit 2015  ja sehr beschäftigt. Erstaunlicherweise können wir nun belegen, dass das AfD-Ergebnis in Orten, wo Flüchtlinge untergebracht wurden, deutlich niedriger ist als in Orten, wo keine Flüchtlinge ankamen. Der Kontakt mit Flüchtlingen führt also eher dazu, dass weniger Menschen die AfD wählen.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch in Gegenden, wo das allgemeine Niveau des AfD-Ergebnisses relativ hoch ist?

Cantoni: Ja, das ist durchgehend der Fall. Offensichtlich entsteht aus dem Kontakt zu Flüchtlingen oft Sympathie für deren Schicksal und man versteht viel besser, was deren Probleme sind.

ZEIT ONLINE: Für den unbedarften Zuhörer sind diese Ergebnisse verblüffend. Ist das in der sozialwissenschaftlichen Community anders? Gibt es da eine Tradition solcher Forschung?

Cantoni: Sozialwissenschaftler erstaunen unsere Ergebnisse nicht so sehr. Letztlich beschreiben wir Phänomene und Mechanismen, die gut erforscht sind. Die Tatsache, dass es Persistenz, also eine Weitergabe, im kulturellen Gedankengut über viele Generationen hinweg in Gesellschaften, gibt, ist häufig beschrieben worden. Ebenso die Tatsache, dass es eine Korrelation gibt zwischen politischen Einstellungen von Eltern und Kindern. Auch, dass der Kontakt mit Fremden, beispielsweise mit Leuten mit anderer Hautfarbe, die Sympathien für diese Menschen erhöht, ist bekannt. Das sind alles Dinge, die in den Sozialwissenschaften, in der Psychologie, in der Politikwissenschaft, in der Soziologie, in der Ökonomie schon seit vielen Jahren diskutiert werden. Ebenfalls gut erforscht ist,  dass antisemitische Einstellungen sich über Jahrzehnte und länger an einzelnen Orten erhalten können. Wir haben dem jetzt einen weiteren Baustein hinzugefügt.

Das Forschungspapier von Davide Cantoni, Felix Hagemeister und Mark Westcott wurde an diesem Montag unter dem Titel "Persistence and Activation of Right-Wing Political Ideology" veröffentlicht.

Ein Ort, an dem sich beispielhaft zeigt, wie rechtes Denken über Jahrzehnte weitergetragen wird, ist Anklam in Mecklenburg-Vorpommern. Zuletzt schien es, als habe der Aufschwung dort die Rechtsextremen fortgespült. Doch es gibt Anzeichen, dass sie sich neue Geschäftsfelder gesucht haben, zum Beispiel in der Baubranche. Über das Dilemma der Stadt berichten Julia Friedrichs, Christian Fuchs, Astrid Geisler und Andreas Spinrath.

Die Dokumentation "Heimatland" von Julia Friedrichs, Fabienne Hurst und Andreas Spinrath geht der Frage nach, warum die Sehnsucht nach Heimat, Nation und klaren Identitäten plötzlich wieder boomt: Am 25. Februar um 20.15 Uhr in der ARD und auf youtube.de/docupy. Mehr von Docupy gibt es außerdem auf  docupy.de.

Transkription: Gudrun Baltissen