Ein Beifallssturm brach los, als die Bundeskanzlerin am vorigen Samstag ihre Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz beendet hatte. Die meisten der 500, 600 Teilnehmer erhoben sich, die stehende Ovation wollte minutenlang nicht abreißen. Es applaudierten nicht nur deutsche Politiker aller Parteien, sondern Minister, Militärs und Medienvertreter aus zahlreichen Nationen, darunter auch viele Abgeordnete und Senatoren der 50 Kopf starken amerikanischen Delegation; nicht allerdings die Präsidententochter Ivanka Trump. Es war eine Respektsbezeugung, die einer Huldigung gleichkam.

Desgleichen hatte die Kanzlerin schon länger nicht erlebt. Sie erschien aber auch wie ausgewechselt: gelöst, ja befreit. Sie sprach weithin ungewohnt leidenschaftlich, mitunter spritzig und witzig. Die Rede war nicht nur das Ereignis der Münchner Konferenz, an der sie womöglich zum letzten Mal als Bundeskanzlerin teilnahm. Was sie sagte, klang wie ihr außenpolitisches Vermächtnis.

Der harte Kern ihrer Botschaft lautete: Wir müssen in vernetzten Strukturen denken. Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltordnung ist "unglaublich unter Druck" geraten. Wir dürfen sie jedoch nicht einfach zerschlagen; die Entwicklung fordert, dass wir sie reformieren. Um die großen Herausforderungen zu meistern, vor denen die Menschheit steht, dürfe man nicht denken, "jeder kann das Problem alleine am allerbesten lösen." Vielmehr müsse man sich "in die Schuhe des anderen versetzen, einmal über den eigenen Tellerrand schauen und sehen, ob man gemeinsame Win-win-Lösungen erreicht." Immer wieder unterstrich sie ihre Überzeugung, wenn man etwas mutig in die Hand nehme, könne man auch vernünftige Abmachungen finden.

Allerdings: Anders als Donald Trump, dessen Namen sie nicht einmal erwähnte, glaubt sie nicht an oktroyierte Lösungen, sondern an gemeinsam erarbeitete – eine Methode also, die heute Multilateralismus heißt. Beifällig zitierte sie einen Satz des US-Senators Lindsey Graham: "Multilateralismus mag kompliziert sein, aber er ist besser, als allein zu Hause zu sein." In ihren Ausführungen zu einer Vielzahl von Einzelproblemen – nur zu Europa sagte sie bemerkenswert wenig – zeigte sich die Bundeskanzlerin als pragmatische Realpolitikerin. Hier einige Beispiele:

Ein "Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten"

Das Atlantische Bündnis. "Wir brauchen die Nato als Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten", als Wertegemeinschaft auch. Die Bundeswehr leiste wichtige Beiträge, vor allem in Afghanistan und im Baltikum, außerhalb der Nato auch in Mali. Die Zwei-Prozent-Marke sieht die Kanzlerin indes bloß als Richtwert. "Seit 2014 haben wir die Verteidigungsausgaben von 1,18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 1,35 Prozent erhöht. Wir wollen 2024 bei 1,5 Prozent liegen. Vielen reicht das nicht, für uns ist das ein essenzieller Sprung." Oder sollten wir, deutet sie verschmitzt an, in eine Wirtschaftsrezession verfallen, um leichter auf die zwei Prozent zu kommen? Ihre Antwort: "Dass das dem Bündnis dient, glaube ich nicht."

Das Verhältnis zu Russland. Merkel nahm kein Blatt vor den Mund, was Moskaus völkerrechtswidriges Verhalten – "Annexion der Krim und anschließend der Angriff auf die Ostukraine" – betrifft. Aber sie dankte Nato-Generalsekretär Stoltenberg dafür, dass er auf der Nato-Russland-Grundakte beharrt und das Gespräch gesucht hat, auch in schwierigsten Zeiten. Doch sie ging noch weiter: "In ein paar Jahren kann es wieder ganz anders aussehen. Der Gesprächsfaden soll nicht abreißen." Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Nord-Stream-2-Projekt erklärte sie, leicht spöttisch: "Ein russisches Gasmolekül bleibt ein russisches Gasmolekül – egal, ob es über die Ostsee kommt … Niemand will einseitig von Russland abhängig werden. Aber wenn wir schon im Kalten Krieg russisches Gas bekommen haben, dann weiß ich nicht, warum die Zeiten heute so viel schlechter sein sollen, dass wir nicht sagen: Russland bleibt ein Partner." Außerdem "Wollen wir Russland nur noch in die Abhängigkeit oder in die Erdgasabnahme von China bringen? Ist das unser europäisches Interesse? Das finde ich nicht."