Wenn Annette Widmann-Mauz in Vorstellungsrunden ihren Amtstitel nennen soll, sieht man die CDU-Politikerin kurz Luft holen. Sie weiß: Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration – das sind für manche geradezu toxische Begriffe, die innerhalb von Minuten Hunderte von Hassmails generieren können. Bei anderen wiederum hatte die Nachricht, dass eine schwäbische Gesundheitspolitikerin an Stelle der türkischstämmigen SPD-Politikerin Aydan Özoğuz auf den Posten im Kanzleramt rücken würde, skeptische Kommentare ausgelöst: Was hat die denn mit dem Thema zu tun?

Obendrein steht die CDU-Integrationspolitik unter verschärfter Beobachtung, nicht nur von außen, etwa durch die AfD. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer Merkel als Parteivorsitzende nachfolgte, schwebt über dem Thema immer wieder eine Frage: War die Aufnahme von 2015 ein Fehler? Was wird aus Merkels "freundlichem Gesicht"? In Werkstattgesprächen will die Partei nun am Wochenende diese brenzligen Fragen klären. Widmann-Mauz wird auch auf der Bühne sitzen.

Beim Besuch einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau im vergangenen Sommer konnte man der Staatsministerin dabei zusehen, wie sie all das jongliert. Die Schule war 2017 bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil ein 14-jähriger jüdischer Junge dort über Monate von arabischen und türkischen Mitschülern gemobbt und bedroht worden war, bis er die Schule verließ. Widmann-Mauz setzt sich in einen Kreis mit Schülern, die meisten mit Migrationshintergrund, einigen Beratern und dem Direktor. Der erzählt stolz, was die Schule alles in Sachen Rassismus und Antidiskriminierung in der letzten Zeit geleistet hat, die vielen Workshops, Coachings, Wandtafeln und Rollenspiele. Das Wort "Antisemitismus" fällt erstaunlicherweise gar nicht mehr. Die Schüler berichten stattdessen von ihren eigenen Erfahrungen mit Rassismus ("immer werde ich gefragt, warum meine Handflächen weiß sind"). Irgendwie haben sich über dem jüdischen Schüler die Wasser geglättet, von ihm ist nicht mehr die Rede.

"Wie ist das bei euch?"

Widmann-Mauz könnte jetzt tun, was ihre Amtsvorgängerin bei solchen Gelegenheiten zu tun pflegte: die Reihen schließen gegen die Xenophobie draußen im Land, konstatieren, wie weit der Weg noch ist, den die deutsche Gesellschaft zurücklegen muss, die Anstrengungen loben. Konflikte innerhalb der migrantischen Community ließ sie dabei lieber außen vor.

Aber Widmann-Mauz stellt die Frage, die Aydan Özoğuz vermutlich niemals gestellt hätte: "Wie ist das bei euch? Habt ihr schon mal jemanden diskriminiert?" Das bricht das Eis, aber nicht auf gute Weise. Als sie nämlich direkt auf den jüdischen Mitschüler angesprochen werden, der jetzt nicht mehr hier sitzt, sagt ein Junge, was offenbar viele in der Runde denken, denn sie nicken zustimmend: "Er hat maßlos übertrieben. Er hat den Ruf dieser Schule beschädigt." Ein Mädchen ergänzt: "Ich habe ihm nur gesagt, dass ich Israel nicht mag. War doch nicht persönlich gemeint!"

Widmann-Mauz schüttelt ungläubig den Kopf. All die Workshops, AGs, Schule gegen Rassismus, Coachings – und dann klingt das so? Sie ist wild entschlossen, das nicht auf sich beruhen zu lassen.

Turnschuhe im Rucksack

Alles an Widmann-Mauz sagt praktisch. Der Haarschnitt, die Blusen, die Tasche, alles ist darauf angelegt, dass ihre Besitzerin anpacken und schnell zum nächsten Projekt weiterziehen kann. Wo sie in Pumps antritt, sind Turnschuhe im Rucksack, falls mal ein Ball gekickt werden muss. Aber inzwischen haben ihre Berliner Parteifreunde, speziell die integrationsskeptischen Innenpolitiker gelernt, das alles nicht mit Harmlosigkeit zu verwechseln. Widmann-Mauz spielte eine Schlüsselrolle bei der Organisation von Stimmen der Frauen-Union für Kramp-Karrenbauer, ohne die sie nie gesiegt hätte. Und weil Frauen- und Migrationspolitik seit der Ära Süßmuth bei der CDU komischerweise in einer Hand liegen, spüren die Innenpolitiker, allen voran Bundesinnenminister Horst Seehofer, im Streit mit Widmann-Mauz auch immer schnell die Schlagkraft ihrer Truppen: Fass meine Frauen-Union nicht an!

Dass sie selbst keinen Migrationshintergrund hat, könnte ihr im gegenwärtigen Klima zum Vorteil gereichen: die Beauftragte ist nicht nur Ombudsfrau einer Minderheit. Sie vertritt auch die Interessen der Mehrheitsgesellschaft, wenn Zugewanderte es an der Bereitschaft fehlen lassen, bestimmte Regeln zu akzeptieren. So verlangt Widmann-Mauz von muslimischen Verbandsvertretern, zu Terminen mit ihr jeweils mit einer Frau zu erscheinen. Sonst findet das Gespräch nicht statt.