Ein Montagabend im Februar: Etwa 13 Menschen haben sich um einen langen Tisch in der Berliner Ufa-Fabrik versammelt. Etwa zur Hälfte Männer und Frauen, die meisten dürften deutlich über 50 sein. Normalerweise kommen Berliner in das alternative Kulturzentrum, um Tai-Chi zu machen, Konzerte zu besuchen oder einfach nur Bier zu trinken. Doch die Leute, die sich an diesem Abend hier getroffen haben, haben etwas anderes vor: Sie wollen die Gesellschaft verändern.

Vor fünf Monaten hat die Fraktionschefin der Linken, Sahra Wagenknecht, ihre Initiative Aufstehen ins Leben gerufen. Eine kraftvolle Bewegung sollte das werden, die für einen starken Sozialstaat, für Klimaschutz und Abrüstung kämpft. Aufstehen wollte Einfluss nehmen auf die Willensbildung in den linken Parteien. Die Bewegung wollte außerdem Menschen erreichen, die sich enttäuscht von der etablierten Politik abgewandt haben.

Der Start war furios: Innerhalb weniger Wochen registrierten sich 170.000 Menschen auf der Website der Bewegung. Seither hat das Projekt jedoch eher Negativ-Schlagzeilen gemacht. Im Januar etwa musste die Website vorübergehend abgeschaltet werden, weil die betreuende Firma nicht bezahlt werden konnte. Ein Tweet, in dem in AfD-naher Sprache öffentlich-rechtliche Medien als Regierungsrundfunk beschimpft wurden, sorgte ebenfalls für Aufsehen.

"Schritt für Schritt erledigen"

Die von Aufstehen initiierten Demonstrationen blieben kraftlos. Mal versammelten sich zu den Aktionen zweitausend, mal nur eine Handvoll Menschen. Kritiker, gerade aus der linken Szene, die in Wagenknechts Projekt vor allem die Gefahr einer weiteren Zersplitterung des linken Lagers sehen, geben der Bewegung kaum noch eine Chance. "Das Problem mit Aufstehen wird sich Schritt für Schritt erledigen", unkte etwa zuletzt Ex-Linksfraktionschef Gregor Gysi in einem Zeitungsinterview.

Doch die 13 Menschen, die in dem Café vor ihrem Bier sitzen, sind weit davon entfernt, aufzugeben. Es ist die Ortsgruppe von Aufstehen im südlichen Berliner Stadtteil Tempelhof, eine von etwa 200, die sich mittlerweile im ganzen Land gegründet haben. An diesem Abend diskutiert die Gruppe vor allem über eine Filmvorführung, die sie für Mitte März organisiert hat. "Der marktgerechte Patient" ist eine scharfe Abrechnung mit dem deutschen Gesundheitssystem.

Ein älterer Mann im schwarzen Kapuzenpulli, der sich wie alle hier nur mit seinem Vornamen vorstellt, sucht außerdem Mitstreiter, die sich mit der Grundsicherung im Alter beschäftigen wollen. Ein weiterer älterer Herr will einen Naziaufmarsch in Berlin anlässlich des Todestags von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß verhindern. Der rot-rot-grüne Senat in Berlin habe "nicht genug Power, ein Verbot auszusprechen", fürchtet er. Deswegen hat er eine entsprechende Bürger-Petition vorbereitet, die er nun an die anderen verteilt.

Einer der Jüngeren, die mit am Tisch sitzen, ist der 48-Jährige Alexander King. Er arbeitet als außenpolitischer Referent für die Linksfraktion im Bundestag und gehört zu denen, die die Berliner Aktionen von Aufstehen koordinieren. In der ganzen Stadt hätten sich 8.000 Menschen als Unterstützer auf der Aufstehen-Homepage registriert, sagt er. Die aktiven Mitglieder schätzt er auf etwa 1.000. Nicht wenige davon seien Menschen, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben politisch engagierten.

Mehr Selbstbestimmtheit

So wie die 24-jährige Linnea von Eitzen zum Beispiel. Auch sie ist in die Ufa-Fabrik gekommen. Dass die meisten anderen hier mehr als doppelt so alt sind, stört die junge Frau, die Gesundheitspsychologie studiert, nicht. Im Gegenteil. "Ich finde es sehr angenehm, mal mit ganz anderen Leuten zu sprechen", sagt sie.

Politisch sei sie zwar schon länger interessiert gewesen. Doch aktiv geworden ist sie bisher nicht. Sie erlebt vor allem das Gesundheitssystem, in dem sie später arbeiten will, als zutiefst ungerecht. Auch das Thema Mieten treibt sie um. In eine Partei wollte sie trotzdem nicht eintreten. "In einer Bewegung gibt es mehr Selbstbestimmtheit", glaubt sie. Hier könne man sich bei den Sachen einklinken, die einem gefielen, und bei anderen eben nicht. Für den Filmabend wird sie nun einen Flyer erstellen, finanzieren muss die Gruppe diesen selbst.

Gerade unter den älteren Aufstehen-Mitgliedern sind aber auch solche, die zwar schon lange politisch aktiv sind, von den bestehenden Parteien aber zunehmend enttäuscht wurden. Jochen Robrandt, der Mann mit dem schwarzen Kapuzenpulli zum Beispiel. Der heute 63-Jährige gründete 1977 in Würzburg mit Freunden den ersten Naturkostladen. Damals war er auch SPD-Mitglied. Doch 1982 verließ er die Partei wieder, die er seit den Zeiten von Helmut Schmidt auf einem falschen Weg sieht. Mittlerweile hat er den Glauben an das Parteiensystem verloren: "Bewegungen scheinen mir erfolgreicher."

Geht da noch was?

Auch die 65-jährige Barbara Wederhake, eine schlanke Frau mit dunkler Kurzhaarfrisur, war als junge Jura-Studentin bereits im sozialistischen Spartakus-Bund aktiv. Später arbeitete sie jahrzehntelang für die Gewerkschaft ver.di. In eine Partei wollte sie nie eintreten. "Ich bin nicht so parteiaffin", sagt sie. "Ich genieße es, möglichst flache Strukturen zu haben." In einer Bewegung habe man mehr Freiheit zum Denken, Parteistrukturen führten dagegen zu einer gewissen Stromlinienförmigkeit.

In der kurzen Zeit, in der sie nun bei Aufstehen ist, hat sie allerdings auch die Kehrseiten der Basisdemokratie kennengelernt. Denn manchen geht diese selbst hier noch nicht weit genug. Jeder, der im Vordergrund stehe, nur weil er etwas organisiere, gerate schnell in die Kritik, sagt sie. "Das finde ich ungerecht." Tatsächlich gibt es ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Art von Arbeitsstrukturen.

Wenige Tage nach dem Abend in der Ufa-Fabrik trifft sich in einem kahlen Ladenraum mit abgenutzten Bierbänken die übergeordnete Bezirksgruppe Tempelhof-Schöneberg, diesmal sind etwa 30 Menschen gekommen. Dort wird auch über den für Mitte April geplanten Strategiekongress von Aufstehen in Berlin geredet. Er sehe nicht ein, dass irgendeine Vorbereitungsgruppe Themen für das Treffen auswähle und nicht die Basis, moniert dort ein Mitglied. "Leute", mahnt Aufstehen-Koordinator King, "die Arbeitsgruppe ist auch die Basis."

Kritik an den Strukturen

Gleichwohl sind die demokratisch nicht legitimierten Organisationsstrukturen von Aufstehen vor allem auf Bundesebene einer der Punkte, die auch bei Unterstützern der Bewegung in der Vergangenheit immer wieder für Kritik gesorgt haben. Denn bisher gibt es nur einen Vorstand, der sich gewissermaßen selbst eingesetzt hat. Ihm gehören neben Wagenknecht einige der Initiatoren von Aufstehen an. Auch ein etwas größerer Arbeitsausschuss besteht aus Menschen, die von den Gründungsmitgliedern um Wagenknecht ausgewählt wurden. Das immerhin soll sich ändern: Bei einem großen Aufstehen-Kongress im Juni will die Bewegung ihre künftigen Führungsgremien wählen lassen. Dort soll auch über ein Programm abgestimmt werden, über das zuvor online mit der Basis diskutiert wird. "Regierungsprogramm" nennen die Initiatoren das Vorhaben reichlich großspurig, obwohl sie gleichzeitig immer wieder versichern, nicht zu Wahlen antreten zu wollen.

Auseinandersetzen muss sich die Bewegung zudem mit dem auch von linker Seite erhobenen Vorwurf, sich nicht klar genug gegen rechts abzugrenzen. Schließlich hatte Wagenknecht sich zum Ziel gesetzt, mit Aufstehen gerade auch AfD-Wähler zurückzugewinnen. Hinzu kommt die kritiklose Unterstützung der französischen Gelbwesten durch Aufstehen. Schließlich mischen sich dort ebenfalls linke und rechte Gruppen.

Die Berliner Aufstehen-Aktivisten haben für solche Bedenken wenig Verständnis. "Bei uns sind doch zu 99,9 Prozent Leute aus der linken Szene aktiv", sagt die 60-jährige Lehrerin Christiane Goodman bei der Bezirksversammlung. Tatsächlich ist man in Berlin sehr bemüht, jeden Anschein von Unterwanderung zu vermeiden. Als während einer von Aufstehen organisierten Solidaritätsdemonstration mit den französischen Gelbwesten Mitte Februar ein Mann mitlief, aus dessen Verstärkerwagen verdächtige Liedtextfetzen drangen, wurde er von den Initiatoren sofort angesprochen. Die Musik stellt sich als unverfänglich heraus, es handelte sich um ein Lied von den Ärzten.

Nähe zu rechter Rhetorik

Doch die Fundamentalkritik an der gegenwärtigen Politik, die beispielsweise auf der Berliner Demonstration geäußert wurde, stellt dennoch eine gewisse Verbindung zwischen dem rechten und linkem Lager dar. "Wer fühlt sich von unseren Volksvertretern noch vertreten", fragte etwa eine Rednerin, die sich als Isabel vorstellte. "Das Volk" werde doch immer weiter aus Entscheidungsprozessen verdrängt. Von Politikern, die "das Volk" für dumm verkauften und sich nur in die eigene Tasche wirtschafteten, sprach sie. Oder davon, dass die Gewaltenteilung in Deutschland endlich wiederhergestellt werden müsse. Das hätte so oder ähnlich gewiss auch bei einer Pegida- oder AfD-Demonstration gesagt werden können.

Wie es nun mit Aufstehen weitergeht? Da sind sich auch viele Unterstützer noch nicht ganz sicher. "Das Meiste haben wir noch vor uns", sagt die ehemalige Ver.di-Mitarbeiterin Wederhake. Sie hofft nun auf die Strategiekongresse von Aufstehen, den in Berlin im April und den bundesweiten im Juni. Was dabei herauskomme, werde für Aufstehen zur Schicksalsfrage, glaubt sie. "Ich versuche das jetzt", sagt sie über ihr Engagement bei Aufstehen. "Aber wenn es in die Hose geht, wäre das schon sehr schlimm."