Im November hatte Gabriel gemahnt, die SPD dürfe sich nicht zur Partei der Abgehängten und Arbeitslosen schrumpfen. Doch das tut die SPD in ihrem Papier nicht. Es enthält auch einige Ideen für die Generation Y: Überstundenkonten, die bei späterer Familiengründung flexibel abgebaut werden können; ein Recht auf Homeoffice; die Forderung, dass Arbeitnehmer in ihrer Freizeit vor ständiger Erreichbarkeit geschützt werden müssen; mehr soziale Absicherung für Selbstständige in der digitalen Arbeitswelt.

Allerdings werden all diese schönen Ideen für den neuen SPD-Sozialstaat erst mal nicht Wirklichkeit werden. So ist etwa ihre Finanzierung noch völlig unklar. Am Geld werde das Konzept nicht scheitern, sagt Nahles am Sonntag nebulös. Die Kosten, beispielsweise für das längere Arbeitslosengeld für ältere Menschen, hat die SPD offenbar noch nicht errechnet oder will sie nicht offenlegen.

Die Union warnt auch so bereits vor einem "Linksruck". Unabhängig von den neuen Vorschlägen blockieren CDU und CSU bereits das Konzept einer Grundrente für Geringverdiener, das SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil Anfang der Woche vorgestellt hatte. Das steht im Koalitionsvertrag, ist der Union aber trotzdem zu teuer.

Vorbereitungen auf einen Wahlkampf mit ungewissem Ausgang

Am Mittwoch trifft sich der Koalitionsausschuss, um darüber und über andere Streitpunkte zu beraten. Spätestens dann wird die SPD-Chefin also wieder auf dem harten Boden der Realpolitik landen: dem wenig attraktiven ewigen Klein-Klein der Kompromisssuche.

Die Hartz-IV-Ideen der SPD stehen erst gar nicht auf der Tagesordnung. Das aktuelle Papier sei auch erst mal nur für die SPD geschrieben, sagt Nahles am Sonntag. Das Sozialstaatskonzept soll also einen SPD-Bundestagswahlkampf vorbereiten. Wie bald dieser ansteht, vermag derzeit niemand zu sagen.

Denn das ist die eigentliche Zukunftsfrage für die SPD: Schafft sie noch einen Befreiungsschlag mit dieser großen Koalition? Oder wird sie den Bruch wagen? Nahles und der einstimmige Vorstand wissen: Nicht nur Hartz IV, auch die Haltung zum Regierungspartner machen manche Wähler zu einer Frage der Glaubwürdigkeit. Ein weiteres dieser Genossenprobleme ist, dass eine SPD, die sich von der Union lossagt, voraussichtlich geschrumpft in der Opposition aufwachen wird. Das schöne Sozialstaatskonzept wäre dann erst mal für die Schublade geschrieben worden.