Lange Zeit dachte man, die Wählerinnen und Wähler würden Parteien in erster Linie wegen ihrer persönlichen ökonomischen Interessen wählen. Ob das jemals so stimmte, darf bezweifelt werden; dass es heute so nicht mehr zutrifft, kann hingegen als ausgemacht gelten. Mehr und mehr geht es bei Wahlentscheidungen um Identität und um verletzte Gefühle.

Die Linkspartei beispielsweise zieht ihre Wirkung, wenn nicht gar ihre Existenzberechtigung aus drei großen Kränkungen: aus 1919, aus 1989 und aus 2003. Die Niederschlagung der Räterevolution und die Rolle der Sozialdemokratie bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verstehen einige bis heute als historische Kränkung, oft auch Verrat genannt.

Die friedliche Revolution in Ostdeutschland wiederum und die darauffolgende moralische Eroberung der ehemaligen DDR durch die sich ausdehnende BRD hat mehr Wunden geschlagen, als man sich das damals vorgestellt hatte. Die PDS und später die Linke waren über zwei Jahrzehnte lang die einzigen, die sich der Entwertung von Lebensläufen mit voller Inbrunst gewidmet und westlicher Arroganz entgegengestellt haben.

Schließlich fühlten und fühlen sich viele Menschen durch die Agenda 2010, speziell die Hartz-Gesetze in ihrem Lebensentwurf herabgesetzt und vom Staat gedemütigt.

In der Linkspartei bündelten sich seit ihrer Existenz alle drei Kränkungen. Sie war die verlässliche Stimme all derer, die sich von der Geschichte, von der Mehrheits- und von der Westgesellschaft kujoniert fühlten. Man könnte sogar sagen, dass die Linke sich darin echte politische Verdienste erworben hat.

Neue strategische Herausforderung

Neuerdings jedoch droht der Partei ihre dreifache polit-psychologische Geschäftsgrundlage verloren zu gehen. Zum einen weil von vielen Ostdeutschen die AfD als die stärkere und lautere Stimme gegen "die da Oben" und "die da im Westen" erscheint. Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine haben die Bewegung Aufstehen ins Leben gerufen, um diesen Verlust an rebellischer Heilkraft zu kompensieren – sehr weit sind sie damit allerdings nicht gekommen.

Zum anderen scheint es der SPD im 23. Versuch endlich zu gelingen, die Agenda-Politik zu überwinden und die Hartz-Wunden zu heilen. So groß ist die Not der Partei, dass sie den Benefit der Schröder-Jahre preisgibt, den sie in der politischen Mitte verbuchen konnte, um sich mit den sozial besonders herausgeforderten Menschen wieder zu vereinen. Ob dieser sozialpolitische Linksschwenk in der Substanz wirklich so radikal ist wie er tut, spielt dabei keine Rolle, wichtiger ist die öffentliche und psychologische Wirkung: Die Abkehr ist vollzogen.

Bleibt der Linkspartei als große Kränkung also nur noch die dritte, die historische? Nun, die Sache war zwar groß, sie ist jedoch schon 100 Jahre her. Die Ereignisse vom Januar 1919 allein werden die Linke gewiss nicht retten.

Tatsächlich gibt es aber bereits Überlegungen, wie mit der neuen strategischen Lage seit der SPD-Hartz-IV-Klausur am vergangenen Wochenende umzugehen sei. An der Spitze der Linkspartei geht man davon aus, dass die SPD mit der Abkehr von der Agenda ihren revolutionären Elan, vorsichtiger gesprochen, ihren Mut zur Radikalität bereits vollends ausgeschöpft hat. Die Lage der westlichen Gesellschaften, auch der deutschen sei so volatil und fragil, dass künftig Antworten nötig und möglich seien, die weit über das hinausgehen, was eine SPD können kann und wollen darf.

Als ein Beispiel dient die Berliner Wohnungspolitik, in der durch Zuwanderung und Spekulation eine Notlage entstanden ist, der durch gewöhnliche sozialdemokratische Korrekturen kaum mehr beizukommen sei. Plötzlich ist Wohnungseigentum nicht mehr unantastbar. Not macht offenbar sozialistisch, könnte man sagen. Auf Systemkrisen jenseits sozialdemokratischer Denkmöglichkeiten setzt also die Linke.

Bleibt die Frage, ob es überhaupt genug dieser Systemkrisen gibt oder ob die Linke nicht einfach nur ihren sektiererischen Bedürfnissen nachgibt. Ungewiss ist auch, ob die SPD tatsächlich zu brav und zu verspießert ist, um auf Systemkrisen systemüberwindend zu reagieren.

Für die Linke heißt all dies in jedem Fall, dass sie als Partei der Kränkungen weitgehend ausgedient hat. Aus diesem Grund können die sozialistischen Forderungen der Linkspartei nicht mehr wie bisher als motzige Begleitmusik einer Kränkungspartei dienen, sie müssen schon ernst gemeint sein. Ob sie unter solchen Umständen einem Realitäts- und Popularitätstest standhalten, steht dahin.

Ansonsten bliebe dann noch die Wiedervereinigung mit der SPD, immerhin auch eine Heilung.