Führende Politikerinnen und Politiker der SPD haben die Kritik von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) an Parteichefin Andrea Nahles verurteilt. Der stellvertretende Parteivorsitzende Ralf Stegner nannte Schröders Äußerungen unsolidarisch: "Glaubt jemand, dass es irgendeinen Nutzen für die eigene Partei hat, wenn sich Politiker aus dem Ruhestand unfreundlich über ihre Amtsnachfolger(innen) äußern?", schrieb Stegner auf Twitter. "Das nützt immer nur der politischen Konkurrenz."

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach kritisierte auf Twitter: "Gerd Schröder ist unfair zu Andrea Nahles." So dürfe man sich nicht aufspielen. "Macho Gehabe pur. Die Zeit ist vorbei für solche Leute."

Auch Außenminister Heiko Maas verteidigte die SPD-Chefin. Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte er: "Ich glaube, die Menschen haben weniger ein Interesse an Personaldebatten. Sie erwarten, dass wir vernünftig regieren – zu Recht." Auf die Frage, ob er Nahles zutraue, die Partei aus dem Umfragetief zu führen: "Natürlich."

Schröder, der von 1999 bis 2004 auch SPD-Chef war, hatte Nahles in einem Interview mit dem Spiegel eine manchmal flapsige Wortwahl vorgeworfen und diese als "Amateurfehler" bezeichnet. Mit Blick auf die nächste Bundestagswahl hatte der frühere niedersächsische Ministerpräsident einen SPD-Kanzlerkandidaten mit ökonomischen Kompetenzen gefordert. Auf die Frage, ob Nahles diese Wirtschaftskompetenz habe, hatte er gesagt: "Ich glaube, das würde nicht mal sie selbst von sich behaupten." Zum ehemaligen Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel hatte sich Schröder hingegen positiv geäußert.

"Der Altkanzler hat recht"

Gabriel war von Ende 2009 bis März 2017 SPD-Vorsitzender, danach gab er das Amt an den Kanzlerkandidaten Martin Schulz ab. Als Gabriel im Zuge der Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU über eine erneute große Koalition seinen Posten als Außenminister abgeben musste, war er aus der ersten Reihe der SPD-Vertreter ausgeschieden.

Auch die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, nahm Andrea Nahles in Schutz. Gefragt nach Spekulationen, sie würde in der SPD als Nahles-Nachfolgerin gehandelt, sagte Schwesig dem Tagesspiegel: "Von solchen Planspielen halte ich nichts."

Allerdings gab es für Gerhard Schröder auch Zustimmung. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post sprach sich ebenfalls für ein Comeback Sigmar Gabriels aus. Er stelle sich eine Aufgabe "in der ersten Reihe" vor, sagte Post Focus Online, ohne dies weiter zu präzisieren. "Der Altkanzler hat recht." Nötig sei eine personelle Veränderung. Er selbst bekomme von vielen zu hören: "So kann es mit uns und Andrea Nahles nicht weitergehen."

SPD drohen bei Europawahl Verluste

Andrea Nahles ist noch nicht einmal ein Jahr im Amt: Sie hatte im April 2018 den SPD-Vorsitz von Schulz übernommen. In ihre Amtszeit fällt die Landtagswahl in Bayern, bei der die SPD auf 9,7 Prozent abstürzte. Die kritischen Aussagen Schröders kommen zu einem Zeitpunkt, an dem immer mehr führende Sozialdemokraten Nahles als Vorsitzende von Partei und Bundestagsfraktion infrage stellen. Die Umfragewerte der Partei stagnieren auf Bundesebene bei etwa 15 Prozent.

Auch bei der Europawahl am 26. Mai drohen der SPD, aber auch der Union laut einer aktuellen Umfrage Verluste. Die SPD kommt nach einer Insa-Erhebung für die Bild-Zeitung auf 15 Prozent, was fast eine Halbierung ihres Ergebnisses von 2014 bedeuten würde. CDU und CSU liegen demnach bei 30 Prozent und würden im Vergleich zur Europawahl 2014 mehr als fünf Punkte verlieren.