In den USA sollen Tausende unbegleitete Minderjährige in Migrantenunterkünften misshandelt und sexuell missbraucht worden sein. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf Ted Deutch, einen Abgeordneten der Demokraten im Repräsentantenhaus. Der Politiker hat Zahlen aus Dokumenten des Gesundheitsministeriums veröffentlicht, genauer aus dem Programm zur Umsiedlung von Flüchtlingen, das dem Ministerium angehört. Demnach gab es von Oktober 2014 bis Juli 2018 insgesamt 4.556 angezeigte Übergriffe auf geflüchtete Kinder und Jugendliche.

Zudem wurden 1.303 Anschuldigungen an das Justizministerium übermittelt. In den meisten der 1.303 Fälle betreffen die Missbrauchsvorwürfe andere Minderjährige (851) in den Unterkünften. In 178 Fällen sollen Mitarbeiter der staatlich betriebenen Unterkünfte sexuelle Übergriffe gegen Flüchtlinge begangen haben. Die Beschuldigungen sind weit gefasst: Die Behördenmitarbeiter sollen Minderjährigen beim Duschen zugesehen, sie begrabscht, geküsst und auch vergewaltigt haben. In 254 Fällen gibt es keine Angaben zu den Tätern. Die Zahlen sind auf der Nachrichtenseite Axios abrufbar, sie hatte zuerst über die Vorfälle berichtet. Axios hat die Dokumente nach eigenen Angaben von Ted Deutchs Büro erhalten.

Die Dokumente würden nicht aufzeigen, wie mit den Anzeigen verfahren wurde. Ob es gerichtliche Verurteilungen oder andere Strafmaßnahmen gegeben hat, ist unklar.

Da die Aufzeichnungen bis zum Oktober 2014 zurückreichen, umfasst die Zeitspanne auch die Amtszeit von Barack Obama. Die Übergriffe hätten jedoch besonders im Rahmen von Donald Trumps Nulltoleranzpolitik gegen illegale Einwanderer überproportional zugenommen, heißt es. Zwischen März und Juli 2018 sollen 859 Klagen hinzugekommen sein, so viele Vorfälle habe es innerhalb von fünf Monaten in den Jahren zuvor nicht gegeben.

Durch Trumps Nulltoleranzpolitik wurden etwa 2.700 Kinder und Jugendliche von ihren Familien getrennt und gesondert in US-Behördeneinrichtungen untergebracht. In den USA wurde dieses Vorgehen stark kritisiert.

"Es gab etwa 1.000 Fälle pro Jahr. Hat die Regierung denn auch nur eine Minute darüber nachgedacht, was sie den Kindern in diesen Einrichtungen antun?", fragte Ted Deutch im Interview mit dem US-Sender CNN. Deutch bezeichnete die Situation als enorm alarmierend. Er wirft der Regierung vor, trotz der Missstände die Trennung der Kinder von ihren Eltern im Rahmen von Trumps Nulltoleranzpolitik in Kauf genommen zu haben. Zugang zu den Dokumenten soll Deutcher auf Anfrage an das Gesundheitsministerium bezüglich der Situation der unbegleiteten Minderjährigen bekommen haben. "Wir haben erst jetzt das Ausmaß verstanden und haben noch Tausende Fragen", sagte Deutch.