Annegret Kramp-Karrenbauer umgibt seit mehr als einem Jahr ein Versprechen: So mittig, so unbestimmt, mutlos und wischiwaschi, wie ihr mir vorwerfen mögt, bin ich gar nicht. Ich kann unbequem sein. Inzwischen macht sich die neue CDU-Chefin daran, dieses Versprechen einzulösen.

Eine Woche nach ihrem verunglückten Scherz über Toiletten für Transgender und Berliner Macchiato-Trinker hatte sie am politischen Aschermittwoch die Gelegenheit, sich zu entschuldigen. In Demmin, Mecklenburg-Vorpommern, tat Kramp-Karrenbauer aber nichts dergleichen. Vielmehr kritisierte sie ihre Kritiker: "Manchmal muss man auch genau hinschauen, bevor man sich über irgendwas künstlich aufregt." Und: "Heute habe ich das Gefühl, wir sind das verkrampfteste Volk, das überhaupt auf der Welt herumläuft, das kann doch so nicht weitergehen." Silvester-Böller, Fleischessen, Veganismus, Diesel-Fahren, Indianer-Kostüme beim Kita-Fasching – Kramp-Karrenbauer ließ keine der identitätspolitisch aufgeladenen Themen für ihre Gegenoffensive aus. Double down nennt man das im Englischen.

Lange hatte der Aschermittwoch der CDU keinen Nachrichtenwert

Politisch fällt die ganze Fastnachtsepisode wohl eher in die Kategorie Geplänkel. Vor dem Narrengericht in Stockach hatte Kramp-Karrenbauer gewitzelt: Die dritte Toilette sei für Männer, die nicht wüssten, ob sie beim Pinkeln sitzen oder stehen sollten. Die große Achsenverschiebung nach rechts, die Kritiker jetzt wittern, hat Kramp-Karrenbauer weder der CDU noch dem Land verordnet. Konservatives Profil ließe sich sowieso kaum gewinnen mit einem Spruch über das dritte Geschlecht, der nicht zu Unrecht als diskriminierend empfunden wurde. Strategisch und bemerkenswert ist eher Kramp-Karrenbauers Umgang mit der Kritik an ihrem Toiletten-Witz. Daran lässt sich durchaus der neue Stil ablesen, der nach Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus eingezogen ist.

Demmin am Aschermittwoch, das war über Jahre hin Merkels Termin gewesen. Nicht weit von dort liegt ihr Wahlkreis. Als große Karnevalistin ist die Protestantin Merkel nicht bekannt. Als scharfzüngige Festzeltrednerin auch nicht. Nachrichtenwert hatte die Veranstaltung lange nicht. Dass eine CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer von hier aus die politische Debatte im Land befeuert, ist also schon eine Neuigkeit. Langsam gewinnt Kramp-Karrenbauer an Profil, ihr eigener Stil wird erkenn- und die Distanz zu Merkel spürbar.

Schon als Generalsekretärin entkräftete AKK Befürchtungen

Im Februar 2018 ließ sich Kramp-Karrenbauer zur CDU-Generalsekretärin wählen, auf Wunsch und Vorschlag der Kanzlerin. Dass das nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Parteiführung und eines Tages ins Kanzleramt sein sollte, war ihren Anhängern klar. Ihren parteiinternen Kritikern ebenso. Und eine Merkel-Wiedergängerin war, wovor sich viele in der Union gefürchtet hatten.

Schon damals mühte sich ihr Umfeld, diese Befürchtungen zu zerstreuen. Enge Begleiter, die Kramp-Karrenbauer schon länger kannten, reagierten teils sogar verwundert und konnten nicht nachvollziehen, warum sie vom konservativen Flügel der Union so sehr als Zentristin angegangen wurde. Vielmehr habe man die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin manchmal als vielleicht sogar etwas biedere Verfassungspatriotin und Christin empfunden.

Kurz nach ihrer Wahl zur Generalsekretärin brach Kramp-Karrenbauer selbst auf, dieses Bild zu korrigieren. 40 Termine absolvierte sie auf ihrer Zuhör-Tour durch ganz Deutschland. Auch bei schweren Auftritten in Ostdeutschland blieb sie gelassen, traf den Ton – ohne aber dem Saal nach dem Mund zu reden. Wie um zu beweisen, dass sie auch die konservative Standardklaviatur beherrscht, stieß sie Leitanträge zur Bundeswehr und Marktwirtschaft an.

Viele Merz-Unterstützer sind recht zufrieden

In ihr neues Amt als CDU-Chefin ist sie dennoch mit einer Hypothek gestartet. Die Anhänger von Friedrich Merz, dem ehemaligen Chef der Unionsfraktion, murrten. Reserviert waren die Reaktionen auf AKK in einigen ostdeutschen Landesverbänden, aber auch in Baden-Württemberg. "Lieber Friedrich, bleib bei uns", flehte Carsten Linnemann, Chef der einflussreichen Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU, den Unterlegenen an.

Dieser Ton hat sich geändert. Inzwischen ruft keiner mehr nach Merz. Tatsächlich sind viele Merz-Unterstützer ganz zufrieden mit ihrer neuen Chefin. Das liegt auch daran, dass Kramp-Karrenbauer sehr umsichtig in ihre Partei hineinkommuniziert. Sie hat sich mit ihren ehemaligen Widersachern zusammengesetzt, ist zu Gesprächen nach Baden-Württemberg gefahren und steht im Austausch mit den Wirtschaftsliberalen in der Partei.

Schluss mit der Selbstzerfleischung

Diejenigen, die ihre Anliegen in der CDU vernachlässigt sahen, haben in Kramp-Karrenbauer eine Parteichefin gefunden, die zuhört. Wie sie es geschafft hat, die CDU durch die Werkstattgespräche zum Thema Migration zu navigieren, hat ihr überall in der Partei viel Respekt eingebracht. Gleichzeitig hält sie die Mitte besetzt und spielt etwa im Doppelinterview mit der ehemaligen Grünen Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt schwarz-grüne Koalitionsoptionen durch. "Die CDU-Versteherin" nannte die Frankfurter Allgemeine sie kürzlich.

Selbst die Beziehungen zur Schwesterpartei CSU haben sich inzwischen deutlich verbessert. Nach der Klausurtagung der Landesgruppe in Seeon war kein böses Wort zu hören. Und immer montags steht jetzt wieder eine Telefonverbindung zwischen München und Berlin. Die Konferenz der engen Führungszirkel von CDU und CSU war im Streit über die Flüchtlingspolitik 2016 eingeschlafen. Kramp-Karrenbauer hat sie wiederbelebt.

Was vielen in der Union in den letzten Jahren gefehlt hat, war vielleicht nicht unbedingt das Konservative, sondern die Chuzpe und Kaltschnäuzigkeit, mit der Kramp-Karrenbauer von einem Einlenken absah. Ihre Bereitschaft, ein Kulturkämpfchen mit der Linken auch mal auszuhalten – statt ewiger Selbstzerfleischung in den eigenen Reihen.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes stand: "Friedrich Merz hatte im ersten Wahlgang in Hamburg Anfang Dezember mehr Stimmen bekommen als Kramp-Karrenbauer." Das ist nicht korrekt. Kramp-Karrenbauer erhielt damals 450 Stimmen, Merz 392 Stimmen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.