Noch ist Ingo Senftleben relativ unbekannt, selbst in Brandenburg. Das könnte sich bald ändern. Was der Spitzenkandidat der hiesigen CDU vorhat, birgt Sprengkraft. Senftleben könnte die politischen Koordinaten verschieben, die seit der Wiedervereinigung Bestand haben. Was zunächst nur den Landtag in Potsdam betrifft, könnte mittelfristig Folgen für die gesamte Bundespolitik haben.

Senftleben ist bereit, ein Tabu zu brechen. Er hat angekündigt, nach der Landtagswahl im Herbst notfalls eine Koalition mit der Linken einzugehen. Lange galten die beiden Parteien als die größtmöglichen Gegner im ostdeutschen Parteiensystem. Die CDU mobilisierte ihre Anhänger in Wahlkämpfen zuverlässig, indem sie auf die Nachfolgepartei der SED schimpfte. Schon bald nach der Wende warnte die Union vor "roten Socken" und den "Erben der Diktatur". An dieser Rhetorik hat sich bis heute in vielen CDU-Kreisen nichts geändert.

Entsprechend wütend waren die Reaktionen, die auf Senftleben einprasselten, als er im Vorjahr erstmals über seine Koalitionspläne sprach. Annegret Kramp-Karrenbauer, damals noch Generalsekretärin, drückte ihr Befremden aus. Andere Parteifreunde, auch aus dem Brandenburger Landesverband, forderten ihn auf, seine Position umgehend zu widerrufen. Als "Genosse Senftleben" wurde er innerparteilich verspottet, als Naivling und als Hasardeur beschimpft.

Ein Foto der Kanzlerin auf dem Schreibtisch

Der Widerstand war immens. Dennoch hat Senftleben seine Position nicht revidiert. Bis heute nicht. "Damit das nicht falsch rüberkommt: Wir haben keinen Bock auf eine Koalition mit der Linken", sagt Senftleben im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Aber gut möglich, dass eine Regierungsbildung andernfalls unmöglich werden könnte. Vier Parteien liegen in den Umfragen bei etwa 20 Prozent: CDU, SPD, Linke und AfD. Vermutlich werden mehr als zwei Partner zur Regierungsbildung benötigt. Da sei es doch geboten, sich vorher mit diesem Szenario zu beschäftigen, sagt Senftleben. Mögliche Konsequenzen sollte man vor und nicht erst nach der Wahl kommunizieren.

Es ist ein Abend im März. Der Regen prasselt an die Fensterscheiben seines Büros im Potsdamer Landtag. Senftleben nimmt sich Zeit für das Gespräch. Er will sich erklären und er will bekannter werden. Auf seinem Schreibtisch steht ein Bild der Bundeskanzlerin. Es ist das Cover des Time Magazine, das sie 2015 zur Frau des Jahres kürte.

Eher linksliberal als erzkonservativ

Anders als andere ostdeutsche CDU-Spitzenpolitiker hat sich Senftleben nie von ihr distanziert. Im Gegenteil: Senftleben ist ein ausgewiesener Merkel-Fan. "Sie hat das Land stark gemacht", sagt er im Gespräch. Nicht zuletzt dank Merkel werde "Deutschland wieder international geachtet". Ihre Haltung in der Flüchtlingskrise hat er bewundert und verteidigt. Es sei richtig, dass man den Flüchtlingen helfe und sie nicht in erster Linie als Bedrohung wahrnehme, zumal für eine christliche Partei. In seinen Wahlkampfreden betont er regelmäßig, dass Brandenburg auf Zuwanderung angewiesen ist.

Auch andere seiner Kernbotschaften klingen eher linksliberal als erzkonservativ. Er war einer der Ersten in der CDU, der sich für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach. Er ist für Gesamtschulen bis zur zehnten Klasse. Jüngst verteidigte er die freitäglichen Schülerproteste gegen Kritik, auch aus seiner CDU: "Wir wollen doch, dass sich junge Leute für Politik interessieren." Aber leider werde "mehr über den Zeitpunkt der Proteste geredet als über das Anliegen".