Ein Karnevalsscherz von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat große Empörung nach sich gezogen, und die wiederum weitere Empörung. Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt plädiert für mehr Konzentration auf die eigentlichen Probleme der Gegenwart.

Wenn Pegida auf die Straße geht, heißt es: Man müsse die Sorgen und Ängste der Demonstranten ernst nehmen. Aber wenn Trans- und Intersexuelle diffamiert werden und sich dagegen Widerspruch erhebt, wird das als Hysterie abgetan. Eine Sprache, die niemanden ausgrenzen soll, wird als "gaga" oder "Gender-Unfug" verunglimpft. Warum werden Menschen, die sich gegen Diskriminierung wehren, nicht ernst genommen, wieso heißt es allzu leichtfertig: "Habt euch doch nicht so!"

Wie vermutlich jeder Mensch, habe auch ich schon mal einen Witz rausgehauen, den niemand kapiert oder viele missverstanden haben. Das passiert. Die CDU-Vorsitzende und mögliche nächste Kanzlerinnenkandidatin machte einen blöden Witz auf Kosten Schwacher. Karneval ist andersrum. Und viele wissen, wie schwer es Inter- und Transsexuelle haben. Sie erleben nicht nur eigene Verunsicherung und haben unzählige Fragen an sich und ihr Leben, sondern sind einer Diskriminierung der übelsten Form ausgeliefert: abschätzige Blicke, abwertende Worte. Doch statt einfach Sorry zu sagen und die Debatte damit zu beenden, legen Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre Anhänger noch einen drauf. Es folgt die Empörung über die Empörung. Auf einmal geht es nicht mehr um die Sorgen der Menschen, die es trifft. Im Gegenteil, sie werden heruntergespielt und lächerlich gemacht. Plötzlich sind diejenigen, die sich für Schwache stark machen, verkrampft. Und ich frage mich: Soll hier der Kulturkampf zur Methode politischer Machtbasis gemacht werden?

Wir sind die Verursacher und die Leidtragenden

Oder nehmen wir das andere Kulturkampfthema: die Klimakrise. Wir sind die Verursacher und die Leidtragenden zugleich. Es ist die Menschheitsfrage schlechthin, doch statt über Mittel und Wege zu streiten, wie es unser Job wäre, unterstellt man lieber den Klimaschützern Hysterie. Und die Schülerinnen und Schüler seien ja auch nicht glaubhaft, die hätten gerade einen Burger gegessen. Als ob nur demonstrieren dürfe, wer unfehlbar sei.

Das sind Scheingefechte unter dem Deckmantel der Aufregung. Es ist der Versuch, mit dem Stilmittel der Empörung über die Empörung die Realität zu ignorieren und Beifall dafür zu erheischen, dass doch alles bleiben könne, wie es ist. Auch wenn das gelogen ist, gegen besseres Wissen und die Vernunft. Wir zerstören gerade die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten. Leitspruch vieler in Politik und Gesellschaft war: Wir wollen, dass es unseren Kindern mal besser geht als uns selbst. Doch was ist diese Aussage wert, wenn wir nicht auch genau so handeln?

Mich besorgt unsere Debattenkultur – angefeuert von Klicks und Likes wird eine Empörung über die Empörung zur Verächtlichmachung von berechtigten Anliegen. Wenn wir so weitermachen, geht etwas verloren: das Verständnis füreinander, Empathie. Lasst uns wieder streiten lernen – offen und fair, um die besten Lösungen. Gern in aller Härte. Denn gleiche Rechte und Respekt sind keine Petitesse in einer verunsicherten Gesellschaft.

Die Klimakrise ist dabei eben kein Teil eines Widerspruchspaars, sondern die Kernfrage, an der sich alles Tun orientieren muss. Diejenigen, die gestern die Pariser Klimaziele unterzeichnet haben, stellen sie heute massiv infrage, ohne an das Morgen zu denken. Aber eben nicht nur das: Schnelles Autofahren ist jetzt auf einmal Freiheitsrecht, genauso wie auf grausame Weise produziertes Antibiotikafleisch Standard sein soll. Der Kampf gegen das Artensterben und das Eindämmen der Plastikfluten werden zum Hobby von ein paar Ökos deklariert, der Einsatz für saubere Luft wird zur Zumutung für die Autoindustrie und damit ins Gegenteil verkehrt, inklusive der Verunglimpfung eines Vereins, der sich für die Einhaltung des Rechts einsetzt. Es ist doch verrückt!

Die Sorgen und Ängste ernst nehmen. Das muss auch gelten für die Sorgen und Ängste unserer Kinder, der Schülerinnen und Schüler, und aller, die von uns eine sichere Zukunft einfordern. Das muss genauso gelten für Mehr- wie für Minderheiten. Es geht um unser Zusammenleben, um ein friedliches Miteinander. Und es geht um unsere Lebensgrundlagen. Die müssen wir bewahren – und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Über das Wie können wir streiten, aber nicht über das Ob. Verantwortung in der Politik heißt: Verantwortung für alle. Und nicht nur für die mit den lautesten Freunden.