1979 wurde das Europaparlament erstmals direkt gewählt. Dabei trat auch eine politische Vereinigung an, die sich die Grünen nannte. Ein Jahr später entstand daraus die Partei Die Grünen. Lukas Beckmann gehörte zu den Mitgründern und blieb bis 2010 für Die Grünen in vielen wichtigen Funktionen aktiv.

ZEIT ONLINE: Herr Beckmann, vor 40 Jahren traten die Grünen erstmals mit einer gemeinsamen Liste zur Europawahl an. Sie waren von Anfang an dabei, wie kam es dazu?

Lukas Beckmann: Ich war damals 28. Ursprünglich hatte ich mal den heimischen Bauernhof übernehmen sollen. Doch dann habe ich lieber Soziologie studiert, war in der Umwelt- und Antiatomkraftbewegung aktiv. 1979 arbeitete ich für Joseph Beuys, der in Düsseldorf eine Internationale Freie Universität gegründet hatte und in ökologischen Fragen sehr engagiert war. Eines Tages kam er in die Düsseldorfer Kunstakademie und wedelte mit einer Ausgabe der Frankfurter Rundschau. Dort stand, dass drei grüne Initiativen mit einer gemeinsamen Liste zur Europawahl antreten wollten. Wir waren uns sofort einig: Da müssen wir mitmachen.

ZEIT ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Beckmann war Bundesgeschäftsführer der Grünen in den ersten fünf Gründungsjahren (1979-1984) und von 1984 bis 1987 einer von drei Vorsitzenden. Danach wurde er Gründungsgeschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung, von 1994 bis 2010 war er Fraktionsgeschäftsführer der grünen Bundestagsfraktion. Der als wertkonservativ geltende Realpolitiker brachte schon 1987 eine Koalition mit der CDU ins Gespräch, was ihm scharfe innerparteiliche Kritik eintrug. © Hannibal dpa/lbn/dpa

Beckmann: Wir haben als Freie Internationale Universität einen Brief an Herbert Gruhl geschrieben. Der war ja bis 1978 umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Bundestag gewesen und 1975 mit seinem Buch Ein Planet wird geplündert sehr bekannt geworden. 1978 verließ er seine Partei, weil er keine Hoffnung mehr hatte, dass sie die ökologische Frage ernst nehmen würde. Stattdessen gründete er die Grüne Aktion Zukunft, die eine der drei größeren Initiativen war, die zur Europawahl antreten wollten. Wir wollten auch dabei sein.

ZEIT ONLINE: Wie hat er ihre Bewerbung aufgenommen?

Beckmann: Er war zunächst nicht begeistert. Er wusste zwar, dass er mit Beuys eine bekannte Persönlichkeit gewinnen würde, die viel Publizität bringt. Aber der gesamtgesellschaftliche Ansatz von Beuys war ihm zu fremd und zu links. Vielleicht misstraute er uns auch, weil Beuys im engen Kontakt stand mit Rudi Dutschke. Ich bin dann mit Beuys zu Gruhl in sein Abgeordnetenbüro in den Langen Eugen in Bonn gefahren, wie das Abgeordnetenhaus genannt wurde. Er blieb zunächst zurückhaltend. Erst als ich ihm klarmachte, dass es uns reichen würde, als kleinste Gruppe mit etwa 15 Leuten an der Gründungsversammlung teilzunehmen, entspannte er sich. Er hatte wohl Angst, wir wollten das dominieren. Später haben wir übrigens Gruhl und Dutschke zusammengebracht und sie haben sich wunderbar verstanden.

ZEIT ONLINE: Das Gründungstreffen für die Sonstige Politische Vereinigung/Die Grünen fand dann am 16. und 17. März 1979 in Frankfurt statt. Wie war dort die Atmosphäre?

Beckmann: Das war in Frankfurt-Sindlingen in einer kleinen Stadthalle, da passten 500 Leute rein. Das Publikum unterschied sich deutlich von den Leuten, die man von den Umweltdemonstrationen und von den Antiatomkraft-Demonstrationen kannte. Das Durchschnittsalter war höher. Es waren Leute, die im Beruf standen, die Lebenserfahrung hatten. Satzung, Programm und Kandidatenliste hatte eine kleine Runde, in der alle Initiativen vertreten waren, über einige Monate und final dann am Abend vor der Gründung in einem Frankfurter Hotel bereits vereinbart. Da haben wir nichts dem Zufall und den Emotionen überlassen. Es lag in der Luft, dass da was Neues entsteht, dass es das Potenzial für eine neue politische Kraft gibt.

ZEIT ONLINE: Wieso waren die Gründungsmitglieder so bürgerlich?

Beckmann: Die Antiatomkraftbewegung und die Umweltbewegung hatten als Ganzes nicht diese parlamentarische Orientierung. Sie haben sich im Vorfeld an den Diskussionen beteiligt, aber viele sahen es als Verrat an der Bewegung, eine Partei zu gründen, und haben sich zurückgehalten. Anderen waren die Gründungsinitiativen viel zu bieder, manchen auch zu rechts. Bei denen, die zur Europawahl angetreten sind, stand die ökologische Frage im Vordergrund. Für die Gruppen aus dem linken und auch aus dem K-Gruppen-Spektrum war das nicht das primäre Thema. Sie kamen erst später dazu, angelockt auch von dem relativen Erfolg bei der Europawahl.

ZEIT ONLINE: Gab es dennoch Themen, die umstritten waren, zu denen es heftige Debatten gab?

Beckmann: Strittig war der Name "Die Grünen". Zur Wahl standen "Grüne Liste" oder "Die Grünen". Eine große Mehrheit entschied sich dann für Letzteres. Nicht alle fanden den Namen gut. Dutschke zum Beispiel konnte damit zunächst nicht viel anfangen. Aber Beuys hat ihm das dann mal mit der Farbenlehre von Goethe erklärt, das hat ihn überzeugt. Bei der Gründung selbst gab es keine größeren Konflikte. Erst später, nach der Europawahl, als es um die Erweiterung des Spektrums und um die Gründung 1980 nach deutschem Recht ging, hatten wir heftige Diskussion: Wie breit soll das Spektrum sein? Wie verhindern wir, dass wir uns die ideologischen Kämpfe vielfältiger linker Sektionen in den Parteiwerdungsprozess holen? Das waren wichtige Fragen.

ZEIT ONLINE: Spitzenkandidatin wurde 1979 Petra Kelly. Wie haben Sie die erlebt?

Beckmann: Petra Kelly hatte als Einzige von uns wirklich internationale Erfahrung. Sie war seit Anfang der Siebzigerjahre Verwaltungsrätin bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel. Sie wusste, wie Apparate funktionieren, aber auch, wie man mobilisiert. Schließlich hatte sie sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung engagiert. Vor allem aber war sie eine Ausnahmepersönlichkeit. Ein unglaubliches Energiebündel, sehr charismatisch, durchsetzungsstark in einer von Männern dominierten Politikerwelt. Sobald sie einen Raum betrat – egal ob da 200, 500 oder 2.000 Leute saßen – war ihr klar, wie sie die Menschen erreicht. Sie war ein Seismograf für Stimmungen – und sie war unglaublich schnell. Am Vorabend der Gründung saß ich im Hotel neben ihr. Da sah ich, wie sie schrieb – in einer Geschwindigkeit, in der ich lese.

ZEIT ONLINE: Nach der Gründung blieben ihnen für den Wahlkampf noch etwas mehr als zwei Monate und Sie begannen ja bei null. Wie muss man sich das vorstellen?

Beckmann: Wir hatten nicht mal ein Büro. Wir konnten dann in einen Bungalow der Grünen Alternative Zukunft von Gruhl in Bonn einziehen. Erst suchten wir nach anderen Räumen, aber dann dachten wir uns: Nein, neben der SPD-Zentrale und gegenüber von der CDU, da sind wir schon ganz richtig.

ZEIT ONLINE: Wie groß war das Team?

Beckmann: Jede Gruppe stellte eine Person ab, die den Wahlkampf organisieren sollte, wir waren also vier Mitarbeiter plus ein paar Aushilfen. Ich wurde dann Geschäftsführer. Tagsüber habe ich den Wahlkampf organisiert und nachts in der Regel bis zwei oder drei Uhr Pakete mit Plakaten und Wahlkampfmaterial gepackt.

ZEIT ONLINE: Wie lief der Wahlkampf ab?

Beckmann: Wir hatten zwar eine Vorstellung von unserer Zielgruppe, aber wie sollten wir sie erreichen? Die fanden wir schließlich nicht auf dem freien Feld vor einem Atomkraftwerk. Wir sind dann vor allem durch die Hochschulen der Republik getourt. Das waren tolle Reisen. Wir hatten einen Peugeot 504 mit drei Sitzbänken, neben mir saß Milan Horáček, 1968 aus Tschechien geflohen, in der Mitte Joseph Beuys und Rudi Dutschke und hinten Roland Vogt und Petra Kelly – vorher beide im Vorstand des Bundesverbandes Umweltschutz. Das war so energiegeladen, aber auch so lustig. Die Grenzen zwischen privat und öffentlich, Tag und Nacht, Arbeitstag und Wochenende verschwammen.