In Zeiten, in denen kulturelle Aneignung als übergriffige Anmaßung gewertet wird, bleibt schon die Beteiligung an politischen Debatten ausschließlich den augenscheinlich direkt Betroffenen vorbehalten. "Ich als ..." beginnen die gerade noch zulässigen Debattenbeiträge. Selbst Karl Marx würde heute als altem weißen Mann mancherorts das Recht auf Meinungsäußerung zu einer ganzen Fülle von Fragen verweigert. Was weiß Marx schon von Unterdrückung?

In dem Maße aber, in dem sich die Aufmerksamkeit auf Selbstwahrnehmungen richtet, wird die politisch konkrete Wirklichkeit unscharf gestellt. Statt sich etwa mit globaler Ungleichheit zu befassen, richten Teile der akademischen Milieus den Blick nach innen, um dort den "eigentlichen" Kern aktuell zutreffender Selbstentwürfe zu erforschen. Das ist zwar legitim, aber das genaue Gegenteil des Anspruches, mit dem die Arbeiterbewegung sich an die Emanzipation benachteiligter Klassen gemacht hat. Karl Marx, Friedrich Engels und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein ging es nicht um die Anerkennung und Fortschreibung bestehender Unterschiede, sondern um deren Überwindung. Das Ziel waren nicht Privilegien, sondern Gleichheit.

Martin Luther King formulierte 1963 den Traum, dass seine vier Kinder eines Tages in einer Welt leben werden, "in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden". In weiten Teilen identitätspolitisch beseelter Kreise wäre dieser Traum heute wohl als Mikroaggression zu verbuchen. Herkunft und Hautfarbe sollen schließlich nicht überwunden, sondern als allein entscheidende Bezugspunkte betont werden. Die universalistische Vision Martin Luther Kings aber sollten wir nicht leichtfertig aufgeben. Auch der demokratische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders verwies nach Bekanntgabe seiner erneuten Kandidatur auf die nach wie vor aktuelle Botschaft des "I have a dream".

Dabei ist auch klar: Nichts wäre falscher, als die Politik in die vermeintlich gute alte Zeit weißer, heterosexueller Dominanz zurückzuführen. Der Kampf gegen Diskriminierung und für Emanzipation muss immer ein linker bleiben – und hier sind breite Bündnisse nötig. Doch geführt werden muss er mit dem Blick auf das Gemeinsame und ohne trennende Scheuklappen. Eine Linke, die das vergisst, spielt der radikalen Rechten in die Hände. Von Donald Trumps ehemaligem Chefstrategen Steve Bannon ist bekannt, dass er von linker Identitätspolitik "nicht genug bekommen" konnte. "Je länger sie über Identitätspolitik sprechen", erklärte Bannon, "desto früher kriege ich sie. Ich will, dass sie jeden Tag über Rassismus sprechen. Wenn die Linke sich auf die Themen Rasse und Identität konzentriert, können wir sie zermalmen." Es ist höchste Zeit, Steve Bannon diesen Gefallen nicht länger zu tun.