Die Europaabgeordnete Julia Reda hat ihren Austritt aus der Piratenpartei erklärt. Das teilte Reda in einem auf Twitter und YouTube veröffentlichen Video mit. Hintergrund sind demnach Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihren ehemaligen Büroleiter Gilles Bordelais, der als Kandidat der Piraten bei der Europawahl antritt und hinter dem Juristen Patrick Breyer in Deutschland auf Listenplatz zwei steht. "Gilles hat mehrere Frauen im Parlament bedrängt", sagte Reda. "Das ist für mich absolut inakzeptabel."

Reda äußerte sich verärgert darüber, dass der Bundesvorstand der Piratenpartei Bordelais trotz der Vorwürfe nicht von der Liste gestrichen hatte. Deshalb verlasse sie die Partei. "Das Verhalten von Gilles hat mir und meinem Team einen schweren Schlag versetzt, es hat uns psychisch richtig mitgenommen", sagte Reda. "So jemand darf nicht gewählt werden."

Reda kandidiert nicht wieder fürs Europaparlament. Sie forderte ihre Unterstützer auf, bei der Europawahl am 26. Mai nicht die Piratenpartei zu wählen. "Das ist lieb gemeint, aber das ist nicht das, was ich mir wünsche", sagte sie, an ihre Anhänger gerichtet. Jede Stimme für die Piratenpartei könne die Stimme sein, dank der Gilles Bordelais ins Parlament einzieht. "Ich werde die Piraten zur Europawahl nicht wählen."

Reda hatte sich zuletzt vehement gegen die Reform des europäischen Urheberrechts eingesetzt und versucht, im Europaparlament eine Mehrheit gegen den Entwurf zu organisieren. Sie und andere Gegner des Vorhabens hatten dafür viel Unterstützung erhalten. Zehntausende hatten in Europa gegen die Pläne demonstriert.

Piraten äußern Bedauern

FDP-Chef Christian Lindner nannte Redas Rücktritt auf Twitter eine "mutige Entscheidung" und sprach ihr seinen Respekt aus. Er bedankte sich außerdem für ihre Empfehlung an ihre Unterstützer, eine andere Partei zu wählen, die sich für freies Internet in Europa einsetzt.

Auch Bundesvorstand der Piratenpartei bedankte sich auf seiner Webseite bei Reda – und bedauerte ihre Entscheidung. "Sie hat die Interessen der Menschen vertreten und ist jederzeit fachlich kompetent und zukunftsorientiert aufgetreten", heißt es in der Stellungnahme. Zu den sexuellen Missbrauchsvorwürfen gegen Gilles Bordelais sagte der Vorstand: "Wir reagieren mit Transparenz und Entschlossenheit auf den Vorfall, den Julia Reda anspricht."

Julia Reda sitzt seit 2014 als einzige Abgeordnete der Piratenpartei im Europäischen Parlament. Dort schloss sie sich der Fraktion der Grünen an und wurde zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt. Die Piratenpartei wurde 2006 gegründet und erhielt mit ihrem alternativen und modern-freiheitlichem Wahlprogramm schnell viele Anhänger. Nach 2016 geriet die Partei jedoch in den Hintergrund und verlor nach und nach alle Länderparlamentssitze.