Minutiöse Klimaschutzpläne für die kommenden Jahrzehnte verheißen nur auf den ersten Blick Gutes. Das moderne Kohlekraftwerk, das im Rheinischen Revier zwangsabgeschaltet wird, vermittelt das wohlige Gefühl, in der eigenen Nachbarschaft Klimaschutz zu betreiben. Es hilft dem Klima aber nicht, ein reines Gewissen zu haben. Mit den Milliardensummen, die dafür als Entschädigung an die Energiekonzerne gezahlt werden müssen, ließe sich vielleicht woanders schneller mehr CO2 einsparen: Zum Beispiel über die Modernisierung von Kraftwerken in Asien oder den großflächigen Kauf und Schutz von Regenwald in Südamerika.

Dass auch Deutschland langfristig aus der Kohleverstromung aussteigen wird, ist klar. In den Zwischenetappen kann es aber möglicherweise günstiger sein, alte, schmutzige Heizungen zu modernisieren und so Kohlendioxid zu sparen. Für uns sollte nur wichtig sein, dass möglichst schnell Treibhausgase eingespart werden. Wo dies genau geschieht, ist für den Klimaschutz als globale Aufgabe egal. CO2 kennt keine Grenzen.

Ein echter Paradigmenwechsel wäre es, den ökologischen Effekt von Kohlendioxid mit einem Preis zu belegen. Das bedeutet, dass jeder, der CO2 emittiert, Zertifikate kaufen muss. Er kann sie auch wieder verkaufen, wenn er sie nicht mehr benötigt. In einem solchen Modell sinkt jährlich die Menge der Zertifikate. Dadurch steigt der Preis, und die Unternehmen haben ein eigenes ökonomisches Interesse daran, Kohlendioxid zu sparen. Wir würden damit im Markt einen Anreiz schaffen, CO2 möglichst effizient und kostensparend zu vermeiden. Das gibt es für die Energiewirtschaft bereits. Es fehlt für andere Sektoren, etwa im Verkehr.

Keine Verzichts- und Verbotsgesellschaft

Ingenieure und Naturwissenschaftler können dann die wirksamsten Wege finden, um die politisch festgelegten Ziele zu erreichen. Bis heute ist zum Beispiel unklar, ob das E-Auto ökologischer ist als die Brennstoffzelle. Synthetische Kraftstoffe, die aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, könnten im regulären Verbrennungsmotor klimaneutral verwendet werden. Wer sich auf das Auto, wie wir es kennen, in einem Kulturkampf einschießt, der wird Forschung in diesem Bereich von vornherein unmöglich machen.

Klimaschutz ist komplex. Die Paris-Ziele stehen fest, aber die Suche nach dem besten Weg muss zugunsten der Innovationskraft von Forschung und Wirtschaft offen gehalten werden. Nicht jeder will das: Mitunter wird die Ökologie instrumentalisiert, um Wirtschaft und Gesellschaft umzubauen – zum Beispiel, um das Auto zu verdrängen, Menschen zu Vegetariern zu machen oder Flugreisen zu unterbinden.

Wir müssen nach Methoden suchen, die uns nicht in eine Verzichts- und Verbotsgesellschaft katapultieren. Wer Klimaschutz durch Deindustrialisierung erreichen will, zerstört unsere wirtschaftlichen Grundlagen, ohne dabei das Klima zu retten. Wenn wir den Menschen allein Askese predigen, werden uns Länder wie China oder Indien nicht folgen. Und wir laufen Gefahr, die Akzeptanz für die Umweltpolitik auch hierzulande zu verlieren. Dann werden uns am Ende auch all die engagierten Appelle am Freitag nichts nutzen.