Thüringens SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee hat den SPD-Landtagsabgeordneten Oskar Helmerich scharf kritisiert, weil er eine Veranstaltung mit dem Autor Thilo Sarrazin plant. Die Lesung aus Sarrazins Buch Feindliche Übernahme am 22. Mai – vier Tage vor der Europawahl – sei "ein unabgesprochener Alleingang von Oskar Helmerich, keine Veranstaltung der Thüringer SPD", schrieb Tiefensee auf Twitter. "Ich distanziere mich ausdrücklich und scharf von ihm und den islamfeindlichen Aussagen Sarrazins."

Tiefensee schrieb weiter, er wolle "bisherige AfD-Wähler durch kritische Auseinandersetzung zurückgewinnen, nicht durch Anbiederung." Tiefensee hatte laut Thüringer Allgemeine vor einer Woche gesagt, dass die Thüringer SPD im Landtagswahlkampf versuchen werde, Wähler anzusprechen und zurückzuholen, die die Sozialdemokraten 2014 an die AfD verloren hatte.

Thüringen wählt am 27. Oktober ein neues Parlament. Die SPD hatte 2014 bei großen Verlusten nur noch 12,4 Prozent der Stimmen erhalten und lag damit nicht mehr weit vor der AfD, die 10,6 Prozent bekam.

Helmerich sagte der Thüringer Allgemeinen: "Die Einladung ist eine Maßnahme, die in das politische Konzept der Thüringer SPD passt, um Wähler zu werben, die zur AfD abgewandert sind." Eine Parteiausschlussdebatte gegen sich befürchtet er demnach nicht – im Landtag hat die Koalition von Rot-Rot-Grün nur eine Mehrheit von einer Stimme.

Kritik an der Einladung kam auch von den Thüringer Jungsozialisten. Ihr Landesvorsitzender Oleg Shevchenko forderte die Absage der geplanten Buchlesung: "Sarrazin ist ein Rassist. Seine Thesen haben den Hass noch stärker gemacht und die Neue Rechte beflügelt."

Von der AfD zur SPD

Oskar Helmerich ist justizpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Der im niederbayerischen Deggendorf geborene Rechtsanwalt ist seit 1992 in Erfurt tätig. Er zog 2014 für die AfD in den Thüringer Landtag ein. 2015 verließ er im Streit um den Kurs von AfD-Landeschef Björn Höcke zunächst die Fraktion, dann die Partei. Im April 2016 trat Helmerich in die SPD ein.

Gegen den früheren Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin läuft derzeit ein drittes Parteiausschlussverfahren der Bundes-SPD. Nach der Veröffentlichung seines Buchs Feindliche Übernahme, in dem Muslime als Bedrohung dargestellt werden, hatte die SPD-Spitze den 74-Jährigen vergeblich aufgefordert, von sich aus auszutreten.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes haben wir den Tweet von Oleg Shevchenko falsch zitiert. Dort stand ursprünglich "Sarrazin ist ein Rasisst und Antisemit". Wir haben die Passage korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion.