Thorsten Schäfer-Gümbel ist so etwas wie der Trümmermann der hessischen SPD. Nachdem Andrea Ypsilanti 2008 mit ihrem umstrittenen Versuch scheiterte, eine rot-grüne Regierung unter Tolerierung der Linkspartei zu gründen, baute er die zerstrittene Hessen-SPD wieder auf. Doch er verlor die drei folgenden Landtagswahlen 2009, 2013 und 2018. Vor einigen Tagen hat Schäfer-Gümbel angekündigt, im Herbst seine Ämter als Vorsitzender der Landes-SPD und der Landtagsfraktion in Wiesbaden sowie als Vizevorsitzender der Bundes-SPD niederzulegen. Er will Arbeitsdirektor bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit  werden. Im Interview erzählt er, was es für ihn bedeutet, stets als nett, aber harmlos bezeichnet zu werden.

ZEIT ONLINE: Herr Schäfer-Gümbel, jemand, der dreimal Spitzenkandidat bei einer Wahl war und dreimal verloren hat, gilt im politischen Betrieb als verbrannt. Es wird erwartet, dass er beiseitetritt. Haben Sie sich nun dieser Logik gefügt?

Schäfer-Gümbel: Es gibt eine prominente Ausnahme: Bei Willy Brandt hat es erst beim vierten Mal geklappt mit dem Wahlsieg. Dieses Beispiel haben manche gebracht, die mich überreden wollten, zu bleiben. Aber natürlich weiß ich, wie die Mechanismen funktionieren. Ich habe mich im Landtagswahlkampf 2018 so gut vorbereitet gefühlt wie nie zuvor. Ich hatte den Hessen-Plan erarbeitet und fühlte mich auch persönlich gut vorbereitet. Aber das Ergebnis hat nicht gereicht. Also musste ich mich fragen: Habe ich die Kraft und Energie, in eine vierte Runde zu gehen, und kann es mir gelingen, bei der nächsten Wahl noch einmal die Mitglieder zu motivieren? Das habe ich unter dem Strich mit Nein beantwortet.  

ZEIT ONLINE: Warum gehen Sie erst im Oktober, ein Jahr nach der Landtagswahl?

Schäfer-Gümbel: Mein ganzes politisches Leben ist geprägt von Solidarität, Disziplin und geordneten Verhältnissen. Etwas unsortiert zu hinterlassen, widerstrebt mir zutiefst. Zu gehen, wenn alles noch unklar ist, das ist nicht meine Art. Schwarz-Grün hatte nach dem Wahlabend ja nur eine Stimme Mehrheit, es gab wegen einer Panne eine Neuauszählung des Wahlergebnisses – das waren erhebliche Unwägbarkeiten. Und daher habe ich die Wahl des Ministerpräsidenten im Januar abgewartet und dann begonnen, mich neu zu orientieren. Aber ich habe Andrea Nahles und einige Vertraute schon nach dem Wahlabend im Oktober darüber informiert, dass ich nicht vorhabe, ein viertes Mal anzutreten.

ZEIT ONLINE: Warum ist das Siegen in der Politik so eine wichtige Währung?

Schäfer-Gümbel: Um wirklich gestalten zu können, muss man eben parlamentarische Mehrheiten erringen. Aber es gibt auch in der Politik noch andere Währungen: Nach meiner Abschiedsankündigung habe ich in meinem Posteingang Hunderte von Zuschriften gefunden, von Freunden, aber auch von politischen Gegnern: "Hochintegre Figur", "jemand mit Ideen", "klug", "abwägend". Nur: Am Ende hilft das nicht. Ich mag gute Arbeit gemacht haben, aber die Wahl ist verloren. Das ist meine Verantwortung und daraus ziehe ich Konsequenzen.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich werden Sie parteiübergreifend geschätzt, aber eher nicht als Führungsfigur betrachtet. Politiker mit einer "Basta"-Mentalität wie Sigmar Gabriel oder Gerhard Schröder scheinen es da einfacher zu haben. Sie werden nicht unbedingt gemocht, aber ihnen wird Macht zugetraut. Sind Sie zu nett für die Politik? 

Schäfer-Gümbel: Das glaube ich nicht. Meine Partei in Hessen hält mich nicht für süß und schon gar nicht für zu weich. Aber ich konnte den Beweis nicht antreten, dass meine Führungskultur auch als Ministerpräsident wirkt, dafür gab es keine Mehrheit. Nun vermuten manche, dass jemand, der eher autoritär ist, es kann – und bei mir heißt es dann: Der ist zu nett dafür. Das ist Quatsch! Malu Dreyer hat man das am Anfang auch unterstellt und schauen Sie, wo sie heute ist. Oder denken Sie an Angela Merkel, die ist alles andere als harmlos. Das Problem sind Vorurteile. Ich glaube, als eher ausgleichender Charakter muss man mehr arbeiten, aber die Ergebnisse sind besser und nachhaltiger.

 ZEIT ONLINE: Hätten Sie vielleicht härter auftreten müssen? 

Schäfer-Gümbel: Als Politiker kannst du nur überzeugen, wenn du authentisch bist. Und ich kann nicht schauspielern. Aber ich habe mir die Frage gestellt, ob ich mit meiner Art, Politik zu machen, der Richtige bin für die erste Reihe. Ich habe eine sehr eigene Rhetorik. Ich merke, dass Menschen mich häufig auf meine Brille und meine Augen ansprechen und die Wirkung, die die starken Gläser vor allem im Fernsehen haben. 

ZEIT ONLINE: Sie denken, dass das Aussehen über Inhalte gestellt wird?

Schäfer-Gümbel: Wir leben in einer komplexen und schnelllebigen Welt, Journalisten stehen unter Zeitdruck. Über Äußerlichkeiten zu schreiben ist einfacher, als ein Sozialstaatskonzept zu erklären. Seit Beginn meiner Karriere wurde über meine Brille geschrieben, mein Auftreten. Das war teilweise unfassbar. Und "Qualitätsjournalisten" waren da oft vorne mit dabei. Wie manche Journalisten, die sich für wertkonservativ halten, da über unser Äußeres urteilen, ist anstandsfrei. Dann wurde auch mein Doppelname gerne verballhornt. Und was ich für konkrete Politik für Hessen wollte, trat da zurück. 

ZEIT ONLINE: Das Ergebnis von 19,8 Prozent bei der Landtagswahl im Herbst war eine Schmach für die einst so stolze Hessen-SPD, die Grünen hatten sie am Ende knapp überholt. Sie sagen, Sie hätten sich danach leer gefühlt.

Schäfer-Gümbel: Ja. Noch Wochen vorher hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir unter 20 Prozent rutschen. Aber nach der Aufregung um Hans-Georg Maaßen hatten wir die Wahl verloren. Sie konnten das mit den Händen greifen. In Stundenfrist ist uns das, was wir in drei Jahren aufgebaut haben, zwischen den Fingern zerronnen. Das konnten Sie merken in den Gesprächen, in der Stimmung in der eigenen Partei. Der Abend war ein Schock. Auch weil es Begegnungen mit Mitbewerbern gab, die ihren Hochmut zelebriert haben. In meiner Zeit in der Politik habe ich viel mit arroganten Menschen zu tun gehabt, und ich muss sagen, wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es Hochmut.

ZEIT ONLINE: Meinen Sie den grünen Vizeministerpräsidenten Tarek Al-Wazir, dem strahlenden Sieger der Wahl? Noch im Wahlkampf haben Sie ihn als "Freund" bezeichnet, klangen dabei aber auch etwas enttäuscht, dass die Beziehung seit Bildung der schwarz-grünen Landesregierung 2013 abgekühlt ist.

Schäfer-Gümbel: Es geht nicht um einzelne Personen. Aber ganz allgemein laste ich mir an, dass ich die Grünen im Wahlkampf zu sehr geschont habe. Die Medien wollten 2013, als die Grünen Regierungspartei wurden und wir in der Opposition geblieben sind, gerne über eine zerbrochene Freundschaft schreiben. Ich habe viel dafür getan, dass es dafür keine Anlässe gab. Darüber ging aber auch die politische Auseinandersetzung verloren. Die grüne Spitze hat sich bei der Wahl zwischen Reformpolitik und Machtpolitik für die Machtpolitik entschieden. Die Grünen betreiben eine Art Wohlstandspopulismus für Leute, die kaum materielle Sorgen haben und sich deshalb mit sozialen Fragen nicht beschäftigen müssen.

ZEIT ONLINE: Die SPD will sich auch im Europawahlkampf nicht an den Grünen abarbeiten.

Schäfer-Gümbel: Einen Fehler, den wir in Hessen gemacht haben, sollten wir nicht wiederholen. Die Grünen sind erfolgreich, weil sie auf Themen setzen, die en vogue sind, aber ihr Handeln hinterfragt kaum jemand. Wir müssen klarmachen, wo unsere Unterschiede liegen und dabei auch robust auftreten.